Countdown.

Auf dem Weg zu meiner Psychiaterin gehe ich an meiner zukünftigen Ausbildungsstätte vorbei, die in den letzten Jahren seit meinem ersten Abschluss dort saniert wurde und nun wirklich wie ein Schule aussieht; hell, freundlich, mit großen Fenstern und Aufenthaltsräumen für die Schüler und Studenten.

Ich bleibe kurz auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehen. Ein sanftes Lächeln legt sich auf meine Lippen, ein erschöpftes, warum auch immer wehmütiges. Wenn ich früher dort vorbeiging, vor Juni dieses Jahres, spürte ich immer einen Schmerz in der Brust, ganz hinten im Herz, wo ich die Hoffnung hinverbannt hatte. Ich dachte, nie, nie wirst du es schaffen.

Aus dem Nie wurden 20 Tage. In 20 Tagen trete ich durch diese Türen und werde es nicht fassen können. Wenn ich das jemandem erzähle, was mir das bedeutet, schütteln die meisten den Kopf. Keiner kann sich vorstellen, was das für mich bedeutet, welche Chancen sich mir dadurch eröffnen. Ich meinte damit nicht nur beruflicher Natur. Viel mehr existenzieller Natur. Ein Neuanfang.

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Wind of Change.

Himmel, wie lange der letzte Eintrag her ist.. wobei es sich länger anfühlt als es das tatsächlich ist. Als wären in der Zwischenzeit Jahre vergangen und dabei waren es nur zwei Monate? So fühlt es sich an, wenn sich viel ändert, viel passiert und noch viel mehr ändern wird …

… denn ich wurde an der Fachhochschule aufgenommen. Im Oktober beginnt (m)ein neues Leben, (m)eine neue Chance, (m)ein neues Zeitalter. Ab 1. Oktober studiere ich (wieder), mit fast 30 Jahren. Teilweise kann ich es immer noch nicht ganz glauben. Ich kann endlich soviel hinter mir lassen.

Die kommenden drei Jahre werden spannend, aufregend, anstrengend, neu. Es ist nicht nur die Tatsache, dass ich endlich das studieren kann, was mir gefällt, einen Beruf ausüben kann, der mich fasziniert und erfüllt, Weiterbildungsmöglichkeiten bereit hält, nein, auch die Chance, mich aus meiner Isolation zu befreien, wieder auf Menschen zu gehen zu können, Teil einer (Klassen)Gemeinschaft zu werden.

Natürlich macht mir das auch Angst. Meine Gedanken rotieren vor sich hin, überschlagen sich. Werde ich das schaffen? Den Stoff, Prüfungen, kaum Geld in den nächsten Jahren, die neuen Leute? Werde ich mich einbringen können oder wieder komplett versagen? Wieder außen vor sein, nicht hineinpassen wie ein Puzzleteil, das nirgendwo hinpasst?

Ich versuche, die Angst nicht überwiegen zu lassen, sondern mich ganz unverkrampft auf die neue Situation einzulassen, positiv zu denken und keine zu großen Erwartungen zu haben, was nicht leicht ist bei meiner zwanghaften Grüblerei. Aber den leichten Weg konnte ich ja noch nie gehen.

VGA auf HDMI.

Seit geraumer Zeit fühle ich mich in dieser Welt verlorener als sonst. Als hätte ich alle Verbindungen verloren, die ich je besessen habe; wobei das ja schon nicht viele waren. Als wären sie alle unterbrochen, ein Störsignal, ein gefühlloses, taubes Rauschen. Wie ein Blatt, das vorher noch an einem Ast vor sich hin hing, treibe ich jetzt ziellos hin und her, vom Wind einmal in diese Richtung getragen, dann wieder aufgewirbelt in die andere Richtung. Kein zur Ruhe kommen in Sicht, keine Möglichkeit, selbst zu lenken, nur Ohnmacht. Wie ein Baum ohne Wurzeln, der zwar steht, aber nicht im Boden verankert ist und den ein kleiner Windhauch bereits zu Fall bringen kann.

Ich fühle mich taub, neblig, grau, leer, formlos. Ich bin nicht glücklich, aber auch nicht tieftraurig (manchmal, seltener als früher). Nur taub. Farblos. Ich spüre Sonnenwärme auf meiner Haut, aber fühle nichts. Ich höre Vogelgezwitscher, aber ich fühle nichts. Ich sehe Menschen lachen, aber ich fühle nichts.

Die Welt ist mir momentan so fremd wie noch nie. Die Menschen sind mir fremd wie noch nie. Ich selbst bin mir fremd wie noch nie. Nicht, dass ich behaupten könnte, je in mir geruht zu haben oder mich wahnsinnig gut zu kennen. Trotzdem ist es anders.

Ich komme mir vor wie ein VGA-Stecker in einer Welt voller HDMI-Anschlüsse. Ich passe nirgendwo hin.

Psychiatrie-Bücherbilder.

Eigentlich wundert es mich nicht. Wenn man sich unsere Geschichte so anschaut, ist es eigentlich sogar recht klassisch, könnte man fast sagen. Fast so wie in einem Psychiatrie-Bilderbuch. Nur halt eben nicht bunt und schön und lustig, sondern scheiße.

Telefonat mit meiner Mutter. Dabei wollte ich ihr eigentlich von meiner Heldentat heute erzählen (Leute, lasst nie was auf einem Herd stehen. Bei uns brannte es heute in der Ambulanzküche lichterloh, weil jemand so klug war, einen Toaster auf die Herdplatte zu stellen. Dummerweise war diese Herdplatte angeschaltet. Die Löschhilfeschulung hat sich für mich schon rentiert.), erzählt sie mir, wie fertig sie doch ist. Weil mein ältester Bruder aus der Wohnung unter ihr in unserem alten Haus auszieht. Weil er meiner Mutter nicht mehr Miete zahlen will. Weil er sich an keinerlei Kosten am Haus beteiligen will. Schlussendlich lief es aber dann doch darauf hinaus, dass er wegen mir auszieht (ich lache immer noch). Weil ich es gewagt habe, vor Monaten mal anzusprechen, wie das dann eigentlich abläuft mit dem Haus, das er erbt. Weil er dann ja seinen Geschwistern ihren Anteil auszählen müsste.

Damit er das nicht muss, zieht er aus. Ergo, meine Schuld. Ganz was Neues.

Rufe ich später meinen Vater an. Der wiederrum erzählt mir eine ganz andere Version. Nämlich, dass meine Mutter meinen Bruder samt Familie hinausgeworfen habe. Betrunken vom Balkon heruntergeschrieben habe, er solle sich verpissen. Scheinbar soll sie auch betrunken in seiner Wohnung herumgeschnüffelt haben und Alkohol gesucht haben. Und weiters habe sie seine Frau aufs Übelste beschimpft. Damit sie eine halbe Stunde später weinend zu ihnen kommt und sich tausend Mal entschuldigt. Und allerlei solche Scherze. Er erzählt mir auch, dass sie, als meine Eltern noch zusammenwohnten, oft Sachen nach ihm geworfen habe und öfters um drei Uhr morgens in sein Zimmer gestürzt sei zum Streiten, Weinen oder Sachen nach ihm Werfen. Und so weiter und so fort.

Und deswegen verwundert es mich auch nicht, dass wir alle sind wie wir sind. Die depressive Mutter mit dem Alkoholproblem. Der realitätsferne Vater in der Sekte. Mein ältester Bruder, der Narzisst. Einer der Zwillinge, der Soziopath. Der andere Zwilling, Depression und Suchtprobleme. Ich, Depression, soziale Phobie und Selbstverletzung.

Wir sind eine große, glückliche Familie. Wie im Psychiatie-Bilderbuch.

Augenkontakt.

Meine neue Therapeutin hat keinen Perserteppich. Über diverse Webseiten habe ich zu ihrer Praxis gefunden und sie angeschrieben, um einen Termin für ein Erstgespräch gebeten, den ich auch relativ rasch bekommen habe. Sie ist mir recht sympathisch, hört viel zu und unterbricht nicht oft. Sie kritzelt sich oft Notizen auf ihren Block, und, was mir am meisten gefällt, sie sieht mich nicht immer direkt an, sieht mir nicht immer direkt in die Augen, was ich nicht sonderlich mag, wenn ich vor jemandem Stück für Stück mein Seelenunheil wie ein zerfetztes 5000-Teile-Puzzle ausbreite. Ich sehe dabei gerne zu Boden, zu meinen Händen, sie sich in einander verknoten oder verkrampfen oder an die Decke.

Sie fragt mich nach meiner Einstellung zu Medikamenten und ich meine nur, dass ich noch nie welche ausprobiert habe und mir deswegen (noch) kein Urteil erlauben könne. Ob ich es mir vorstellen könnte, welche auszuprobieren, bejahe ich. Und zwei Wochen später sitze ich bei einer Psychiaterin. Sie wirkt eher etwas schüchtern, fast verschüchtert, sehr vorsichtig. Muss man in diesem Metier wohl auch sein, denke ich. Sie nimmt sich sehr viel Zeit für mich und ich muss wieder meine halbe Lebens- und Familiengeschichte ausbreiten, was langsam an meinen Kräften zehrt.

Ich versuche, so gut wie möglich zu schildern, was mir im Kopf herumgeht. Im Großen und Ganzen kann ich es als Lebensüberdruss (poetisch) beschreiben, Hang zum Suchtverhalten (danke Familie), Angst/Unbehagen vor sozialen Kontakten bei gleichzeitigem Wunsch danach (ein Igel, der gestreichelt werden will), ständig kreisenden Gedanken (ein Browser mit 1000 offenen Tabs) und zeitweisen aktiven sowie passiven Suizidgedanken beschreiben. Ein ordentliches Bündel, das ich mit mir herumschleppe.

Nach über einer Stunde, in der ich vermutlich jeden Muskel meiner Hände zu Tode gequetscht habe und circa 5 Liter Schweiß verloren habe (tut mir leid an denjenigen, der nach mir auf dem Stuhl sitzen musste), verschreibt sie mir schlussendlich Sertralin und Quetiapin. Dann fällt ihr plötzlich wieder ein, dass ich von Suizidgedanken gesprochen habe und dass Sertralin da eventuell nicht gerade die beste Wahl sei, weil zwar antriebssteigernd in der ersten Zeit, aber noch nicht stimmungsaufhellend (da verstehe ich endlich den Zusammenhang, warum manche Antidepressiva “Suizid” als Nebenwirkung haben können). Sie weist mich mehrmals darauf hin, dass bei diesem Antidepressivum die Situation zu Anfang meist schlimmer wird, bis es besser wird und “Sie müssen das bitte, bitte durchhalten!” sagt sie in einem versöhnlichen, motivierenden Ton. Sie nimmt mir das Versprechen ab, mich nicht umzubringen und bei konkreten oder starken Gedanken sofort in die Notaufnahme zu kommen. Ist geritzt – huch, Wortwitz. Sorry.

Das Quetiapin hilft mir beim Schlafen. Ist eigentlich ein Antipsychotikum bei Schizophrenie, hoch dosiert. In meiner Dosis hilft es bei Ein- und Durchschlafstörungen. Ich muss sagen, diese Wirkung merke ich sofort. Wo ich vorher eine gute Stunde, wenn nicht länger, mich umherwälzend und langsam verzweifelnd im Bett lag, während Stunde um Stunde sinnlos verfloss, merke ich nun gar nicht mehr, wie ich einschlafe. Und durchschlafe, was ich vorher seit Monaten nicht mehr geschafft hatte.

Das Sertralin hingehen lässt sich bitten. Die letzten drei Wochen waren hart. Ich war oft an der Grenze und wusste nicht, wie ich die Tage durchstehen sollte, woher ich die Kraft zum Durchhalten nehmen sollte. Ich weiß es manchmal immer noch nicht, bin sehr durch den Wind, verplant, mache Fehler in der Arbeit und vergesse viel. Vielleicht sind es die Nebenwirkungen, vielleicht auch nicht. Ich versuche, nicht zuviel darüber nachzudenken und warte brav auf die Wirkung.

Bevor ich gehe, mustert sie mich noch kurz und fragt, ob es mir unangenehm sei, wenn sie länger Augenkontakt mit mir halte. Ich schaue sie direkt an und sage “Ja, dabei fühle ich mich unwohl”. Sie nickt und sieht weg und wünscht mir alles, alles Gute, bis zum nächsten Termin.

Perserteppiche.

Freitag, 14.30 Uhr. Ich zupfe nervös an meinen Fingernägeln, wie immer in letzter Zeit. Sie sehen schlimm aus, zerrupft, rot, trocken, entzündet, eingerissen. Meine Lippe beiße ich in letzter Zeit auch wieder ständig auf und reiße kleine Fetzen ab, bis es blutet. Die Haarbänder an meinem Handgelenk schnappen in regelmäßigen Abständen auf die Haut. Spüren, spüren, ich muss irgendwas spüren, irgendwie. Mit jeder Minute werde ich nervöser, fingere immer wieder mein kleines Heftchen in der rechten Tasche meines Kasacks an, ob es ja noch da ist, endlich gehen die Arbeitskollegin und ich in die Umkleide. Ich beeile mich in Zeitlupe mich umzuziehen, es geht mir zu schnell, es geht mir zu langsam. Bis ich meine Siebensachen beinander habe, scheint ein Äon zu vergehen. Dabei ist es erst 14.45 Uhr. Ich wünsche ihr lächelnd ein schönes Wochenende, ich müsse schon los, ich habe noch einen Termin.

Der Termin ist nur ein paar Häuser weiter. Ich gehe nicht direkt hin, sondern nochmal in anderes Gebäude der Klinik. Nochmal auf die Toilette, ich bin ein Angstpinkler. Ich schaue in den riesigen dreckigen Spiegel vor mir und sehe wohl aus wie ein Drogenjunkie auf der Flucht; blass, die Lippen offen, nervös umhersehend, ständig an den Händen zuppelnd. Um 14.50 Uhr begebe ich mich wieder nach draußen, in der Hoffnung, dass die Arbeitskollegin schon auf dem Weg zum Bahnhof ist, damit sie nicht sieht wo ich hin gehe.

Quälend langsam öffne ich die schwere Holztür, ein altes, denkmalgeschütztes Haus mit hellblauen Wänden und weißem Stuck an den Wänden. Eine Art Halle, an den Wänden ein Schild – “Fahrräder anlehnen verboten” -; natürlich stehen zwei Fahrräder an der Wand. Der Aufstieg in den dritten Stock kommt mir wie die Besteigung des Mount Everest vor und jeder Schritt wird schwerer und schwerer. Ich versuche mich auf mein schweres Atmen zu konzentrieren, das nicht unbedingt vom Treppensteigen her rührt, sondern von meiner Nervosität. Versuche mir, Formulieren zu überlegen, Stichworte, irgendwas.

Vor der Tür – es muss sich um eine umgebaute Wohnung handeln – bleibe ich stehen. Herzklopfen, Blutrauschen in den Ohren. Der Impuls, auf dem Absatz kehrt zu machen und die Treppen wieder hinunter zu stürzen. Ich lehne an der Wand und hadere mit mir selbst, soll ich einfach wieder gehen? Die Tür geht spontan auf, ein junger Mann rauscht an mir vorbei, ein “Hallo” murmelnd, nach unten. Er wirkte aufgelöst, unruhig – ich gehe trotzdem rein.

Es ist eine umgebaute Wohnung, Altbau, aber renoviert. Sehr schlicht. Viele Zimmer, ein WC, eine große Diele mit Sesseln, die wie Regisseurstühle auf einem Filmset aussehen. Hinsetzen kann ich mich nicht. Also bleibe ich stehen, verkrampfe meine Hände, meine Blicke wechseln vom Boden zum Fenster, vom Fenster zum Boden. Ein riesiger Perserteppich liegt am Boden. Man hört irgendwo ständig Leute hinter den geschlossenen Türen. Ab und zu geht jemand vorbei, nickt oder grüßt, ich nicke oder grüße.

“Frau S?” höre ich eine Stimme hinter mir. “Wir haben telefoniert?”. Ich nicke, versuche mich zu einem Lächeln zu zwingen und halte die Hand hin. “Genau” sage ich und er geleitet mich an das andere Ende der Wohnung. Ich platze fast, mein Puls rast, ich schwitze. Als ich ihm gegenüber sitze und er seine Sachen zusammensucht – Block und Stift – mustere ich ihn ein bisschen; er wird kaum sehr viel älter sein als ich, für meinen Geschmack zu lange, aufgestellte Haare, eher schmale Statur, sein Dialekt erinnert mich an das Heimatdorf meines Vaters.

Auf der Couch neben mir liegen unzählige Tagesdecken, im Regal stehen ein paar Fachbücher, wir sitzen uns auf zwei Sesseln gegenüber, ein Beistelltisch mit einem analogen Wecker zwischen uns. Der Raum ist eher dunkel, ein Perserteppich. Was haben die Therapeuten nur mit ihren Perserteppichen, denke ich mir.

Create a life that feels good on the inside –

not just looks good on the outside. Weil ich bin nämlich um Welten besser darin, mein Leben rein äußerlich schön zu gestalten. Ich kann wahnsinnig gut putzen, die Wohnung ausmisten oder umdekorieren, damit die Außenwelt schön und ordentlich ist, nur damit ich das verstaubte, vergilbte und vollgerümpelte Innenleben nicht sehen muss. Neue Haarfarbe, neue Frisur oder neues Make Up? No Problem. Shoppen gehört nebenbei zu einer meiner Coping-Strategien, um mich abzulenken, denn ich kann das Innere ja viel besser ändern, wenn das Äußere mitzieht und das geht ja super gut mit Klamotten und Schuhen. Was für ein Bullshit.

Ich kann nämlich viel besser lügen als ehrlich sein. Und dabei mache ich das noch nicht mal bewusst. So sehr verinnerlicht habe ich meine Lügenfratze, mein Gebilde aus Lug und Trug, dass ich selbst schon mein eigenes Gesicht nicht mehr erkenne, wenn ich es sehe. Ich erkenne mich morgens, wenn ich mich für die Arbeit fertig mache, im Spiegel, ständig ein Grinsen oder keckes Lächeln, ein sarkastischer Spruch auf den Lippen oder ein frecher Kommentar, der die Leute zum Lachen bringt. Aber wenn ich abends, nach dem Zusammenbrechen in den Spiegel sehe, das Gesicht rot und aufgequollen, der sorgfältig gezogene Eyeliner-Strich irgendwo im Nirwana verschollen unter tausend Tränentälern, das Gesicht, das erkenne ich nicht. Aber das bin eigentlich ich. Diesen Menschen kenne ich nicht (mehr). Ich weiß nicht mehr, was er fühlt oder denkt. Wie er Tag für Tag aus dem Bett kriecht und die Leute glauben macht, das Leben ist schön und rosig und lustig und perfekt.

Mittlerweile führe ich eigentlich täglich imaginäre Gespräche mit einem imaginären Therapeuten. Ich stelle mir selbst Fragen und gebe darauf schwülstige, eloquente Antworten, voll mit Metaphern und der Weisheit, von der ich glaube, sie nicht nur mit dem Löffel gefressen zu haben, sondern sie aufgekocht und mir wie Heroin in die Venen injiziert zu haben. Ich halte mich für unglaublich gescheit und lebensklug und eigentlich scheitere ich am laufenden Band seit Jahrzehnten an den einfachsten Dingen.

Nur zu dumm, dass ich neben all meiner Lebensweisheit und Klugheit es nicht und nicht schaffe, auch nur einen Fuß in die nicht so imaginäre Gemeinschaftspraxis zu setzen, an der ich täglich auf dem Weg zur Arbeit vorbeigehe. Dabei schreit alles in mir in dieser Hundertselsekunde, die ich brauche, um die große, wuchtige, braune Tür zu passieren. Alles schreit: DA! JETZT! NACH RECHTS! REIN DA! Aber ich bin taub und stumm und unbeweglich und schon ist der Moment vorbei und alles geht seinen gewohnten Gang.

Weil ich die Hilfe nicht verdiene. Deswegen.

 

Wenn möglich, bitte wenden.

Wenn es mich an manchen Tagen einfach so in der Dusche überkommt, dass mir neben dem kochend heißen Wasser auch noch heiße Tränen die Wangen runterlaufen. Oder an anderen Tagen, wo es nur eine Kleinigkeit braucht und ich wegen dieser Kleinigkeit auszucke. Oder wenn ich im Bett liege, lese und mich einfach aus dem Nichts die Traurigkeit überfällt, sodass ich mich aus dem Griff der Weinkrämpfe nicht und nicht herauswinden kann. Wenn ich abends, allein, wieder einmal zur Flasche greife oder die Schutzhülle eines Skalpells abziehe, nachdem ich untertags die perfekte Rolle gespielt habe, wieder und wieder und immer wieder und geglaubt habe, es sei doch alles gut, das Leben ist schön.

Dann frage ich mich immer wieder, wo ich falsch abgebogen bin. Wann ich in welchen falschen Zug eingestiegen bin, die falsche Kurve genommen habe oder gebremst habe, wo ich einfach hätte beschleunigen sollen. In welchem Moment mir das Leben, mein Leben, aus meinen schwachen, zittrigen Händen geglitten, zu Boden gefallen und in Abermillionen Teile zersplittert ist. Wann ich begonnen habe, falsche Entscheidungen zu treffen, große, kleine, bedeutungslose oder weltbewegende.

Wann hat sich jeder von mir abgewandt? Wann hat sich die Welt von mir abgewandt? Oder war ich es, die jeden von sich gestoßen hat, mit Füßen getreten hat? Teils-teils? Bin ich schuld? Sind es die anderen? Bin ich es, die nicht in diese Welt, dieses Leben, diese Existenz passt, bin ich die special snowflake – oder sind es alle anderen, die einfach nichts verstehen wollen?

Ich ertrage das alles nicht mehr.

“Mehr als die Vergangenheit”

Der letzte Tag des Jahres 2017. Nein, es kommt kein Jahresrückblick, keine Sorge. Ich möchte mir angewöhnen, mich nicht mehr über Vergangenes zu beschweren oder darüber in Selbstmitleid zu verfallen, viel lieber möchte ich eigentlich meinen Fokus auf die Zukunft richten, denn “in ihr gedenke ich zu leben”. Auch soll das hier nun kein Eintrag über Vorsätze werden.

Warum auch immer sind Weihnachten und Silvester immer schwierig für mich. Vermutlich, weil ich es gewohnt bin, dabei immer gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Nur irgendwann kann man das nicht mehr, irgendwann sind die Energiereserven leer, die man braucht, um das Schauspiel aufrecht zu erhalten. Und in letzter Zeit musste ich viel schauspielern. Musste Weinflaschen verstecken und frische Wunden, zerknüllte Taschentücher voll Rotz und/oder Blut, musste Enttäuschungen überspielen und zerbrochene Hoffnungen. Musste immer wieder “mir geht es gut, danke der Nachfrage” hervorwürgen, obwohl ich eigentlich gleichzeitig kotzen, schreien und weinen hätte können.

Ende diesen Jahres sind meine Reserven wirklich mehr als leer. Dabei hat sich auch einiges zum Positiven geändert, aus dem ich im neuen Jahr Energie schöpfen möchte. Das Studium ist in greifbarer Nähe – Ende Februar und Anfang April habe ich die Aufnahmetests. Leisten kann ich mir das auch nur, weil der Grinsekater mir Asyl angeboten hat, dass ich nach langem Hin und Her schlussendlich doch angenommen habe. Also wohne ich nun mit meinen zwei Katzen (mit seiner sind es dann drei Katzen) bei ihm. Damit ich mir Geld ansparen kann für die Zeit des Studiums, da ich weder irgendeine Unterstützung – sei es Staat oder Familie – bekomme noch viel Zeit zum nebenbei arbeiten werde haben.

Und daraus möchte ich Kraft schöpfen. Endlich schon begraben geglaubte Träume wieder aus dem Friedhof meiner Hoffnungen hervorholen, sie vorsichtig wiederbeleben und noch vorsichtiger hoffen, auf ein besseres Leben. Kein besseres Leben in finanzieller Hinsicht, deswegen tue ich es nicht. Ein besseres Leben in Hinsicht auf Verantwortung, in Hinsicht auf eine wertvolle, interessante Arbeit, in Hinsicht auf Herausforderungen, in Hinsicht auf eine “Karriere”. Noch bin ich vorsichtig – aber den Brief mit den beiden Daten zur Aufnahmeprüfung in der Hand zu halten, das ist schon was.

Und jeden Tag aufs Neue spiele ich wieder mit dem Gedanken, nochmal eine Therapie anzufangen. Immerhin gehe ich auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag am Institut vorbei, das der Grinsekater mir empfohlen hat. Nur um davorzustehen und mich nicht trauen, hineinzugehen. Denn – was soll ich denn sagen? Klar, ich bin nicht glücklich, ich bin sogar sehr unglücklich im Leben, teilweise so unglücklich, dass die Gedanken an Suizid mehr als einmal den einzigen Trost im dunklen Schleier meiner Gedankenwelt mimten. Aber – ich funktioniere. Ich funktioniere gut genug für den Alltag, schaffe meine Arbeit, den Haushalt.

Aber wird mir das genug sein? Nur funktionieren? Ist das genug für ein Leben?

 

Same procedure as every year.

Gott, mir geht mein ewig gleiches Gejammer selbst schon so auf die Nerven. Immer wieder leide ich wegen immer wieder dem selben. Familie, Einsamkeit, Job. Familie, Einsamkeit, Job. Würde ich das in bunten Kurven aufzeichnen, hätte ich vermutlich ein schönes Mandala für die Wohnung.

Es ist Vorbeinachten und so oft wie ich in den letzten 4 Tagen geheult habe, habe ich vermutlich das ganze Jahr nicht geweint. Weihnachten ist jedes Jahr aufs Neue anstrengend für mich. Weihnachten ist eine Zeit voll Erwartungen, unstillbaren Sehnsüchten, Phantomschmerzen und Heimatlosigkeit.

Als ich nach dem Essen bei meiner Mutter den langen Weg Richtung Bahnhof antrete, spüre ich Meter für Meter den schwarzen Klumpen in meinem Magen größer und dicker werden. Sie trinkt wieder zuviel Alkohol zu viel zu früher Stunde, mein einer Bruder sitzt wie immer da und kriegt sein Maul nicht auf, packt – wie letztes und vorletztes und vorvorletztes Jahr – das Geschenk nicht aus, das er von mir bekommt, die Konversation ist so unpersönlich wie ein Brief vom Finanzamt. Ich versuche wie immer gute Miene zum bösen Spiel zu machen, das Desinteresse nicht zu bemerken.

Ich gehe an Häusern von ehemaligen Schulkameraden vorbei und frage mich, wo sie nun alle wohnen. Wie ihre Leben aussehen. Ich gehe durch das Dorfzentrum und merke, dass hier nichts mehr ist, wie es mal war, als ich noch jünger war und hier lebte. Schritt für Schritt merke ich, wie entwurzelt ich bin, Schritt für Schritt füllt mich die Heimatlosigkeit aus. Im Zug starre ich mit leerem Blick aus dem Fenster und mir wird mit aller Klarheit bewusst, dass ich ein Nomade bin, der kein Zuhause hat – weder wörtlich noch im übertragenen Sinne. Ich habe weder eine Familie, die mich liebt, noch Freunde, die ich als Familie bezeichnen kann und die mich auffangen könnten, weder ein Nest, in das ich zurückkehren könnte oder ein Zuhause, wie man es kennt.

Ja, ich habe einen Partner und ja, er gibt mir Halt – er versucht es, aber er schafft es nicht. Seine Familie versucht wirklich, mir das Gefühl zu geben, dazuzugehören – aber so etwas geht nicht von heute auf morgen. Dieses Urvertrauen, dass man bei einer Familie hat, entwickelt sich in Jahren und Jahrzehnten, wächst vom ersten Moment des Lebens an und wächst mit einem Menschen mit. Man kann es nicht erzwingen, so sehr man es sich auch wünscht. Ich kann auf keinen Freund oder Bruder zurückgreifen, der seit Jahren an meiner Seite steht, mich und mein Leben kennt, mit mir die Höhen und Tiefen des Lebens durchgestanden hat, mit dem ich irgendwo sitzen kann und lachend oder weinend fragen kann: “Weißt du noch, vor zehn Jahren, als …?”, denn in meinem Leben ist niemand, der seit zehn Jahren an meiner Seite ist. Ich kann niemanden mitten in der Nacht anrufen, wenn ich das Leben und mein Dasein nicht mehr ertragen kann, die Schwärze um mich herum und vor allem die Schwärze in mir drin, mich an niemandem halten oder klammern – nur an die Weinflasche und das Skalpell.