Augenkontakt.

Meine neue Therapeutin hat keinen Perserteppich. Über diverse Webseiten habe ich zu ihrer Praxis gefunden und sie angeschrieben, um einen Termin für ein Erstgespräch gebeten, den ich auch relativ rasch bekommen habe. Sie ist mir recht sympathisch, hört viel zu und unterbricht nicht oft. Sie kritzelt sich oft Notizen auf ihren Block, und, was mir am meisten gefällt, sie sieht mich nicht immer direkt an, sieht mir nicht immer direkt in die Augen, was ich nicht sonderlich mag, wenn ich vor jemandem Stück für Stück mein Seelenunheil wie ein zerfetztes 5000-Teile-Puzzle ausbreite. Ich sehe dabei gerne zu Boden, zu meinen Händen, sie sich in einander verknoten oder verkrampfen oder an die Decke.

Sie fragt mich nach meiner Einstellung zu Medikamenten und ich meine nur, dass ich noch nie welche ausprobiert habe und mir deswegen (noch) kein Urteil erlauben könne. Ob ich es mir vorstellen könnte, welche auszuprobieren, bejahe ich. Und zwei Wochen später sitze ich bei einer Psychiaterin. Sie wirkt eher etwas schüchtern, fast verschüchtert, sehr vorsichtig. Muss man in diesem Metier wohl auch sein, denke ich. Sie nimmt sich sehr viel Zeit für mich und ich muss wieder meine halbe Lebens- und Familiengeschichte ausbreiten, was langsam an meinen Kräften zehrt.

Ich versuche, so gut wie möglich zu schildern, was mir im Kopf herumgeht. Im Großen und Ganzen kann ich es als Lebensüberdruss (poetisch) beschreiben, Hang zum Suchtverhalten (danke Familie), Angst/Unbehagen vor sozialen Kontakten bei gleichzeitigem Wunsch danach (ein Igel, der gestreichelt werden will), ständig kreisenden Gedanken (ein Browser mit 1000 offenen Tabs) und zeitweisen aktiven sowie passiven Suizidgedanken beschreiben. Ein ordentliches Bündel, das ich mit mir herumschleppe.

Nach über einer Stunde, in der ich vermutlich jeden Muskel meiner Hände zu Tode gequetscht habe und circa 5 Liter Schweiß verloren habe (tut mir leid an denjenigen, der nach mir auf dem Stuhl sitzen musste), verschreibt sie mir schlussendlich Sertralin und Quetiapin. Dann fällt ihr plötzlich wieder ein, dass ich von Suizidgedanken gesprochen habe und dass Sertralin da eventuell nicht gerade die beste Wahl sei, weil zwar antriebssteigernd in der ersten Zeit, aber noch nicht stimmungsaufhellend (da verstehe ich endlich den Zusammenhang, warum manche Antidepressiva “Suizid” als Nebenwirkung haben können). Sie weist mich mehrmals darauf hin, dass bei diesem Antidepressivum die Situation zu Anfang meist schlimmer wird, bis es besser wird und “Sie müssen das bitte, bitte durchhalten!” sagt sie in einem versöhnlichen, motivierenden Ton. Sie nimmt mir das Versprechen ab, mich nicht umzubringen und bei konkreten oder starken Gedanken sofort in die Notaufnahme zu kommen. Ist geritzt – huch, Wortwitz. Sorry.

Das Quetiapin hilft mir beim Schlafen. Ist eigentlich ein Antipsychotikum bei Schizophrenie, hoch dosiert. In meiner Dosis hilft es bei Ein- und Durchschlafstörungen. Ich muss sagen, diese Wirkung merke ich sofort. Wo ich vorher eine gute Stunde, wenn nicht länger, mich umherwälzend und langsam verzweifelnd im Bett lag, während Stunde um Stunde sinnlos verfloss, merke ich nun gar nicht mehr, wie ich einschlafe. Und durchschlafe, was ich vorher seit Monaten nicht mehr geschafft hatte.

Das Sertralin hingehen lässt sich bitten. Die letzten drei Wochen waren hart. Ich war oft an der Grenze und wusste nicht, wie ich die Tage durchstehen sollte, woher ich die Kraft zum Durchhalten nehmen sollte. Ich weiß es manchmal immer noch nicht, bin sehr durch den Wind, verplant, mache Fehler in der Arbeit und vergesse viel. Vielleicht sind es die Nebenwirkungen, vielleicht auch nicht. Ich versuche, nicht zuviel darüber nachzudenken und warte brav auf die Wirkung.

Bevor ich gehe, mustert sie mich noch kurz und fragt, ob es mir unangenehm sei, wenn sie länger Augenkontakt mit mir halte. Ich schaue sie direkt an und sage “Ja, dabei fühle ich mich unwohl”. Sie nickt und sieht weg und wünscht mir alles, alles Gute, bis zum nächsten Termin.

Advertisements

Perserteppiche.

Freitag, 14.30 Uhr. Ich zupfe nervös an meinen Fingernägeln, wie immer in letzter Zeit. Sie sehen schlimm aus, zerrupft, rot, trocken, entzündet, eingerissen. Meine Lippe beiße ich in letzter Zeit auch wieder ständig auf und reiße kleine Fetzen ab, bis es blutet. Die Haarbänder an meinem Handgelenk schnappen in regelmäßigen Abständen auf die Haut. Spüren, spüren, ich muss irgendwas spüren, irgendwie. Mit jeder Minute werde ich nervöser, fingere immer wieder mein kleines Heftchen in der rechten Tasche meines Kasacks an, ob es ja noch da ist, endlich gehen die Arbeitskollegin und ich in die Umkleide. Ich beeile mich in Zeitlupe mich umzuziehen, es geht mir zu schnell, es geht mir zu langsam. Bis ich meine Siebensachen beinander habe, scheint ein Äon zu vergehen. Dabei ist es erst 14.45 Uhr. Ich wünsche ihr lächelnd ein schönes Wochenende, ich müsse schon los, ich habe noch einen Termin.

Der Termin ist nur ein paar Häuser weiter. Ich gehe nicht direkt hin, sondern nochmal in anderes Gebäude der Klinik. Nochmal auf die Toilette, ich bin ein Angstpinkler. Ich schaue in den riesigen dreckigen Spiegel vor mir und sehe wohl aus wie ein Drogenjunkie auf der Flucht; blass, die Lippen offen, nervös umhersehend, ständig an den Händen zuppelnd. Um 14.50 Uhr begebe ich mich wieder nach draußen, in der Hoffnung, dass die Arbeitskollegin schon auf dem Weg zum Bahnhof ist, damit sie nicht sieht wo ich hin gehe.

Quälend langsam öffne ich die schwere Holztür, ein altes, denkmalgeschütztes Haus mit hellblauen Wänden und weißem Stuck an den Wänden. Eine Art Halle, an den Wänden ein Schild – “Fahrräder anlehnen verboten” -; natürlich stehen zwei Fahrräder an der Wand. Der Aufstieg in den dritten Stock kommt mir wie die Besteigung des Mount Everest vor und jeder Schritt wird schwerer und schwerer. Ich versuche mich auf mein schweres Atmen zu konzentrieren, das nicht unbedingt vom Treppensteigen her rührt, sondern von meiner Nervosität. Versuche mir, Formulieren zu überlegen, Stichworte, irgendwas.

Vor der Tür – es muss sich um eine umgebaute Wohnung handeln – bleibe ich stehen. Herzklopfen, Blutrauschen in den Ohren. Der Impuls, auf dem Absatz kehrt zu machen und die Treppen wieder hinunter zu stürzen. Ich lehne an der Wand und hadere mit mir selbst, soll ich einfach wieder gehen? Die Tür geht spontan auf, ein junger Mann rauscht an mir vorbei, ein “Hallo” murmelnd, nach unten. Er wirkte aufgelöst, unruhig – ich gehe trotzdem rein.

Es ist eine umgebaute Wohnung, Altbau, aber renoviert. Sehr schlicht. Viele Zimmer, ein WC, eine große Diele mit Sesseln, die wie Regisseurstühle auf einem Filmset aussehen. Hinsetzen kann ich mich nicht. Also bleibe ich stehen, verkrampfe meine Hände, meine Blicke wechseln vom Boden zum Fenster, vom Fenster zum Boden. Ein riesiger Perserteppich liegt am Boden. Man hört irgendwo ständig Leute hinter den geschlossenen Türen. Ab und zu geht jemand vorbei, nickt oder grüßt, ich nicke oder grüße.

“Frau S?” höre ich eine Stimme hinter mir. “Wir haben telefoniert?”. Ich nicke, versuche mich zu einem Lächeln zu zwingen und halte die Hand hin. “Genau” sage ich und er geleitet mich an das andere Ende der Wohnung. Ich platze fast, mein Puls rast, ich schwitze. Als ich ihm gegenüber sitze und er seine Sachen zusammensucht – Block und Stift – mustere ich ihn ein bisschen; er wird kaum sehr viel älter sein als ich, für meinen Geschmack zu lange, aufgestellte Haare, eher schmale Statur, sein Dialekt erinnert mich an das Heimatdorf meines Vaters.

Auf der Couch neben mir liegen unzählige Tagesdecken, im Regal stehen ein paar Fachbücher, wir sitzen uns auf zwei Sesseln gegenüber, ein Beistelltisch mit einem analogen Wecker zwischen uns. Der Raum ist eher dunkel, ein Perserteppich. Was haben die Therapeuten nur mit ihren Perserteppichen, denke ich mir.

Create a life that feels good on the inside –

not just looks good on the outside. Weil ich bin nämlich um Welten besser darin, mein Leben rein äußerlich schön zu gestalten. Ich kann wahnsinnig gut putzen, die Wohnung ausmisten oder umdekorieren, damit die Außenwelt schön und ordentlich ist, nur damit ich das verstaubte, vergilbte und vollgerümpelte Innenleben nicht sehen muss. Neue Haarfarbe, neue Frisur oder neues Make Up? No Problem. Shoppen gehört nebenbei zu einer meiner Coping-Strategien, um mich abzulenken, denn ich kann das Innere ja viel besser ändern, wenn das Äußere mitzieht und das geht ja super gut mit Klamotten und Schuhen. Was für ein Bullshit.

Ich kann nämlich viel besser lügen als ehrlich sein. Und dabei mache ich das noch nicht mal bewusst. So sehr verinnerlicht habe ich meine Lügenfratze, mein Gebilde aus Lug und Trug, dass ich selbst schon mein eigenes Gesicht nicht mehr erkenne, wenn ich es sehe. Ich erkenne mich morgens, wenn ich mich für die Arbeit fertig mache, im Spiegel, ständig ein Grinsen oder keckes Lächeln, ein sarkastischer Spruch auf den Lippen oder ein frecher Kommentar, der die Leute zum Lachen bringt. Aber wenn ich abends, nach dem Zusammenbrechen in den Spiegel sehe, das Gesicht rot und aufgequollen, der sorgfältig gezogene Eyeliner-Strich irgendwo im Nirwana verschollen unter tausend Tränentälern, das Gesicht, das erkenne ich nicht. Aber das bin eigentlich ich. Diesen Menschen kenne ich nicht (mehr). Ich weiß nicht mehr, was er fühlt oder denkt. Wie er Tag für Tag aus dem Bett kriecht und die Leute glauben macht, das Leben ist schön und rosig und lustig und perfekt.

Mittlerweile führe ich eigentlich täglich imaginäre Gespräche mit einem imaginären Therapeuten. Ich stelle mir selbst Fragen und gebe darauf schwülstige, eloquente Antworten, voll mit Metaphern und der Weisheit, von der ich glaube, sie nicht nur mit dem Löffel gefressen zu haben, sondern sie aufgekocht und mir wie Heroin in die Venen injiziert zu haben. Ich halte mich für unglaublich gescheit und lebensklug und eigentlich scheitere ich am laufenden Band seit Jahrzehnten an den einfachsten Dingen.

Nur zu dumm, dass ich neben all meiner Lebensweisheit und Klugheit es nicht und nicht schaffe, auch nur einen Fuß in die nicht so imaginäre Gemeinschaftspraxis zu setzen, an der ich täglich auf dem Weg zur Arbeit vorbeigehe. Dabei schreit alles in mir in dieser Hundertselsekunde, die ich brauche, um die große, wuchtige, braune Tür zu passieren. Alles schreit: DA! JETZT! NACH RECHTS! REIN DA! Aber ich bin taub und stumm und unbeweglich und schon ist der Moment vorbei und alles geht seinen gewohnten Gang.

Weil ich die Hilfe nicht verdiene. Deswegen.

 

Wenn möglich, bitte wenden.

Wenn es mich an manchen Tagen einfach so in der Dusche überkommt, dass mir neben dem kochend heißen Wasser auch noch heiße Tränen die Wangen runterlaufen. Oder an anderen Tagen, wo es nur eine Kleinigkeit braucht und ich wegen dieser Kleinigkeit auszucke. Oder wenn ich im Bett liege, lese und mich einfach aus dem Nichts die Traurigkeit überfällt, sodass ich mich aus dem Griff der Weinkrämpfe nicht und nicht herauswinden kann. Wenn ich abends, allein, wieder einmal zur Flasche greife oder die Schutzhülle eines Skalpells abziehe, nachdem ich untertags die perfekte Rolle gespielt habe, wieder und wieder und immer wieder und geglaubt habe, es sei doch alles gut, das Leben ist schön.

Dann frage ich mich immer wieder, wo ich falsch abgebogen bin. Wann ich in welchen falschen Zug eingestiegen bin, die falsche Kurve genommen habe oder gebremst habe, wo ich einfach hätte beschleunigen sollen. In welchem Moment mir das Leben, mein Leben, aus meinen schwachen, zittrigen Händen geglitten, zu Boden gefallen und in Abermillionen Teile zersplittert ist. Wann ich begonnen habe, falsche Entscheidungen zu treffen, große, kleine, bedeutungslose oder weltbewegende.

Wann hat sich jeder von mir abgewandt? Wann hat sich die Welt von mir abgewandt? Oder war ich es, die jeden von sich gestoßen hat, mit Füßen getreten hat? Teils-teils? Bin ich schuld? Sind es die anderen? Bin ich es, die nicht in diese Welt, dieses Leben, diese Existenz passt, bin ich die special snowflake – oder sind es alle anderen, die einfach nichts verstehen wollen?

Ich ertrage das alles nicht mehr.

“Mehr als die Vergangenheit”

Der letzte Tag des Jahres 2017. Nein, es kommt kein Jahresrückblick, keine Sorge. Ich möchte mir angewöhnen, mich nicht mehr über Vergangenes zu beschweren oder darüber in Selbstmitleid zu verfallen, viel lieber möchte ich eigentlich meinen Fokus auf die Zukunft richten, denn “in ihr gedenke ich zu leben”. Auch soll das hier nun kein Eintrag über Vorsätze werden.

Warum auch immer sind Weihnachten und Silvester immer schwierig für mich. Vermutlich, weil ich es gewohnt bin, dabei immer gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Nur irgendwann kann man das nicht mehr, irgendwann sind die Energiereserven leer, die man braucht, um das Schauspiel aufrecht zu erhalten. Und in letzter Zeit musste ich viel schauspielern. Musste Weinflaschen verstecken und frische Wunden, zerknüllte Taschentücher voll Rotz und/oder Blut, musste Enttäuschungen überspielen und zerbrochene Hoffnungen. Musste immer wieder “mir geht es gut, danke der Nachfrage” hervorwürgen, obwohl ich eigentlich gleichzeitig kotzen, schreien und weinen hätte können.

Ende diesen Jahres sind meine Reserven wirklich mehr als leer. Dabei hat sich auch einiges zum Positiven geändert, aus dem ich im neuen Jahr Energie schöpfen möchte. Das Studium ist in greifbarer Nähe – Ende Februar und Anfang April habe ich die Aufnahmetests. Leisten kann ich mir das auch nur, weil der Grinsekater mir Asyl angeboten hat, dass ich nach langem Hin und Her schlussendlich doch angenommen habe. Also wohne ich nun mit meinen zwei Katzen (mit seiner sind es dann drei Katzen) bei ihm. Damit ich mir Geld ansparen kann für die Zeit des Studiums, da ich weder irgendeine Unterstützung – sei es Staat oder Familie – bekomme noch viel Zeit zum nebenbei arbeiten werde haben.

Und daraus möchte ich Kraft schöpfen. Endlich schon begraben geglaubte Träume wieder aus dem Friedhof meiner Hoffnungen hervorholen, sie vorsichtig wiederbeleben und noch vorsichtiger hoffen, auf ein besseres Leben. Kein besseres Leben in finanzieller Hinsicht, deswegen tue ich es nicht. Ein besseres Leben in Hinsicht auf Verantwortung, in Hinsicht auf eine wertvolle, interessante Arbeit, in Hinsicht auf Herausforderungen, in Hinsicht auf eine “Karriere”. Noch bin ich vorsichtig – aber den Brief mit den beiden Daten zur Aufnahmeprüfung in der Hand zu halten, das ist schon was.

Und jeden Tag aufs Neue spiele ich wieder mit dem Gedanken, nochmal eine Therapie anzufangen. Immerhin gehe ich auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag am Institut vorbei, das der Grinsekater mir empfohlen hat. Nur um davorzustehen und mich nicht trauen, hineinzugehen. Denn – was soll ich denn sagen? Klar, ich bin nicht glücklich, ich bin sogar sehr unglücklich im Leben, teilweise so unglücklich, dass die Gedanken an Suizid mehr als einmal den einzigen Trost im dunklen Schleier meiner Gedankenwelt mimten. Aber – ich funktioniere. Ich funktioniere gut genug für den Alltag, schaffe meine Arbeit, den Haushalt.

Aber wird mir das genug sein? Nur funktionieren? Ist das genug für ein Leben?

 

Same procedure as every year.

Gott, mir geht mein ewig gleiches Gejammer selbst schon so auf die Nerven. Immer wieder leide ich wegen immer wieder dem selben. Familie, Einsamkeit, Job. Familie, Einsamkeit, Job. Würde ich das in bunten Kurven aufzeichnen, hätte ich vermutlich ein schönes Mandala für die Wohnung.

Es ist Vorbeinachten und so oft wie ich in den letzten 4 Tagen geheult habe, habe ich vermutlich das ganze Jahr nicht geweint. Weihnachten ist jedes Jahr aufs Neue anstrengend für mich. Weihnachten ist eine Zeit voll Erwartungen, unstillbaren Sehnsüchten, Phantomschmerzen und Heimatlosigkeit.

Als ich nach dem Essen bei meiner Mutter den langen Weg Richtung Bahnhof antrete, spüre ich Meter für Meter den schwarzen Klumpen in meinem Magen größer und dicker werden. Sie trinkt wieder zuviel Alkohol zu viel zu früher Stunde, mein einer Bruder sitzt wie immer da und kriegt sein Maul nicht auf, packt – wie letztes und vorletztes und vorvorletztes Jahr – das Geschenk nicht aus, das er von mir bekommt, die Konversation ist so unpersönlich wie ein Brief vom Finanzamt. Ich versuche wie immer gute Miene zum bösen Spiel zu machen, das Desinteresse nicht zu bemerken.

Ich gehe an Häusern von ehemaligen Schulkameraden vorbei und frage mich, wo sie nun alle wohnen. Wie ihre Leben aussehen. Ich gehe durch das Dorfzentrum und merke, dass hier nichts mehr ist, wie es mal war, als ich noch jünger war und hier lebte. Schritt für Schritt merke ich, wie entwurzelt ich bin, Schritt für Schritt füllt mich die Heimatlosigkeit aus. Im Zug starre ich mit leerem Blick aus dem Fenster und mir wird mit aller Klarheit bewusst, dass ich ein Nomade bin, der kein Zuhause hat – weder wörtlich noch im übertragenen Sinne. Ich habe weder eine Familie, die mich liebt, noch Freunde, die ich als Familie bezeichnen kann und die mich auffangen könnten, weder ein Nest, in das ich zurückkehren könnte oder ein Zuhause, wie man es kennt.

Ja, ich habe einen Partner und ja, er gibt mir Halt – er versucht es, aber er schafft es nicht. Seine Familie versucht wirklich, mir das Gefühl zu geben, dazuzugehören – aber so etwas geht nicht von heute auf morgen. Dieses Urvertrauen, dass man bei einer Familie hat, entwickelt sich in Jahren und Jahrzehnten, wächst vom ersten Moment des Lebens an und wächst mit einem Menschen mit. Man kann es nicht erzwingen, so sehr man es sich auch wünscht. Ich kann auf keinen Freund oder Bruder zurückgreifen, der seit Jahren an meiner Seite steht, mich und mein Leben kennt, mit mir die Höhen und Tiefen des Lebens durchgestanden hat, mit dem ich irgendwo sitzen kann und lachend oder weinend fragen kann: “Weißt du noch, vor zehn Jahren, als …?”, denn in meinem Leben ist niemand, der seit zehn Jahren an meiner Seite ist. Ich kann niemanden mitten in der Nacht anrufen, wenn ich das Leben und mein Dasein nicht mehr ertragen kann, die Schwärze um mich herum und vor allem die Schwärze in mir drin, mich an niemandem halten oder klammern – nur an die Weinflasche und das Skalpell.

 

Bäume ohne Wurzeln & Alleinachten.

Als ich der Erschafferin vorschlage, am Heiligen Abend untertags vorbeizukommen, winkt sie nur ab. Das sei ihr zu stressig. Es ist einer Mutter zu stressig, ihr Kind am Heiligen Abend, an Weihnachten zu sehen. Mein Bruder kommt auch nicht nach Hause dieses Jahr, erfrage ich im selben Gespräch. Nicht mal von ihm selbst. Den Heiligen Abend wollte ich mit der besseren Hälfte und dessen Familie verbringen. Mittlerweile ist mir nur mehr nach Betrinken, Selbstbemitleiden und Alleinsein.

Später an diesem Tag kommt mein Vater vorbei, zum Essen. Weil er weder an seinem Geburtstag noch an Weihnachten im Land ist, sondern bei seiner neuen Familie. Ich habe gekocht, schön gedenkt, mir Gedanken für gute, passende Geschenke gemacht. Das Essen ist förmlich, steif, unpersönlich. Ich gebe ihm die schön verpackten Geschenke mit. Ich bekomme ein Kuvert, mit der gleichen Karte und Floskel wie seit Jahren. Und Geld.

Ich will dabei nicht undankbar erscheinen, wirklich nicht. Aber der grüne Schein in einem lieblos ausgewählten Kuvert freut mich nach zig Jahren nicht mehr, wenn ich mir Jahr für Jahr überlege, was meinem Vater und seiner Freundin wohl Freude machen würde. Und ich selbst gerne einmal wieder ein persönliches Geschenk bekommen würde – und es es nur ein 5-EUR Buch, von dem ich vielleicht mal in einem Gespräch gesprochen habe.

Als ich nach dem Telefonat mit der Erschafferin im Bus nach Hause sitze, wird mein Geist von Minute zu Minute träger. Müder. Bleierner. Trauriger. Ihre Worte sickern durch mein Hirn. Fließen durch meinen Kopf. Vernebeln meine Sicht, als mir ein Schleier aus Tränen über die Augen zieht. Es fühlt sich endgültig an. Endgültig entwurzelt, der Baum. “Das wolltest du doch immer” nölt eine Stimme im Kopf und ich nicke stumm vor mich hin. Ich wollte keinen Schmerz mehr durch meine Familie. Nicht ständig vermittelt bekommen, was ich alles nicht bin und nicht schaffe.

Nun habe ich den Schmerz durch keine Familie. Dem Baum fehlen die Wurzeln. Phantomschmerzen.

Ich bin allein. Nicht nur an Weihnachten.

 

“Ich hatte auch nie solche Möglichkeiten.”

“Ich bräuchte das Geld ja nicht, um mir ein schönes Leben zu machen. Oder um ein Auto zu kaufen. Nein, Mama, ich bräuchte es, weil ich nächstes Jahr endlich studieren möchte. Weil ich unglücklich in meinem Job, mit meiner Ausbildung bin. Weil ich immer unter meinem Niveau arbeiten muss. Weil ich einfach endlich mehr Qualifikationen haben möchte, mehr Möglichkeiten haben möchte, mich beruflich weiterentwickeln möchte.” – “Tja, ich will ja nichts sagen. Aber ich hatte auch nie solche Möglichkeiten.”

Und weil du nie solche “Möglichkeiten” hattest, gönnst du sie auch mir nicht. Denn niemand darf es besser haben als du. Niemand darf glücklich werden oder sich entfalten, weil du es nicht bist und du es nie konntest. Weil du ständig und immer noch Opfer warst und bist. Weil du, seit du 17 Jahre alt bist und meinen Bruder auf die Welt gebracht hast (Birth control gab es auch in den 80er Jahren schon) eigentlich nur ein Opfer bist. Weil du in deinem ganzen Leben noch nie auch nur einen Hauch von Verantwortung für dein Leben übernommen hast. Denn dann müsstest du dir ja eingestehen, dass eigentlich nur du Schuld an deinem miserablen Leben hast. Dass du keinem anderen den schwarzen Peter zuspielen kannst, außer dir selbst. Und wir, deine Kinder, mussten es schon unser ganzes Leben lang müssen.

Welche Mutter wünscht sich denn, dass das eigene Kind genauso unglücklich und unterfordert ist, wie man selbst? Welche Mutter gönnt ihrem Kind den Erfolg nicht, das Streben nach Mehr, nach Karriere, nach beruflicher Verwirklichung? Genau, eine Rabenmutter. Eine reine Erzeugerin, eine reine Gebärmaschine. Den Titel “Mutter” verdienst du jedenfalls nicht.

Nun gehst du auf die 70 zu und merkst, dass du in deinem Leben nichts anderes zustande gebracht hast, als alle deine 4 Kinder bis aufs Letzte zu verkorksen und kaputt zu machen. Du hast uns alle 4 gebrandmarkt fürs Leben. Jeder von uns strauchelt auf seine Weise – der eine mit Drogen, mit Alkohol, mit Menschen, mit der Liebe, ich schneide mir seit über einem Jahrzehnt meinen Körper auf und blute das Gift aus, das du mir über 20 Jahre durch dein Tun, deine Worte, dein Nicht-Tun tagtäglich injiziert hast. Weil du unfähig warst. Weil du dein Unglück an uns ausgelassen hast.

Erst vor kurzem wurde mir etwas Wichtiges bewusst und ich glaube langsam wirklich, dass es noch Hoffnung für mein kaputtes Hirn, mein gebrochenes Herz gibt. Früher dachte ich immer, ständig, dass ICH das Schlimme in meinem Leben bin. Dass ich der Schatten bin, der sich über mich legt. Dass ich ein böser Mensch bin, nicht liebenswert, schlecht, nicht gut genug, nichts wert und nutzlos. Weil das der einzige Grund sein konnte, dass nicht mal meine eigene Mutter mich lieben und unterstützen und schätzen könne.

Aber als ich dann nachdachte, fiel mir auf, dass es in meinem Leben immer wieder Menschen gab, vor allem Schwiegereltern, die mich sehr wohl schätzten. Mochten. Mich gerne um sich hatten. Mir zuhören. Mich unterstützten. Mich mehr liebten als meine eigene Familie das je gekonnt hätte. Ohne, dass sie das je gemusst hätten.

Und so sind es auch diesmal wieder meine Schwiegereltern und meine bessere Hälfte, die mir Mut zusprechen. Mich ermutigen, das Studium in Angriff zu nehmen. Mich allem zu stellen, was sich mir in den Weg stellt, weil sie an meiner Seite stehen werden. Die mich unterstützen. Die stolz auf mich sind. Die sich für mich freuen. Sie lassen mich bei sich wohnen während es Studiums, damit ich es mir leisten kann. Denn Unterstützung bekomme ich nicht, von niemandem. Zumindest nicht in finanzieller Hinsicht. Dafür tatkräftigst und emotional von diesen eigentlich fremden Menschen, die mich herzlichst ohne mit der Wimper zu zucken in ihren Kreis aufgenommen haben und das auch jeden Tag aufs Neue tun.

Und wie dankbar ich dafür bin. Jede verdammte Minute. Und wie schwer es mir auf der anderen Seite fällt, das zuzulassen. Aber ich lerne. Stück für Stück. Und lege die Last, die du mir mit meiner Geburt auf die Schulter gelegt hast, langsam ab. Tag für Tag befreie ich mich von dir. Bis du einfach verschwunden bist. Bis dein Gift aus jeder meiner Venen und Arterien verschwunden ist. Bis ich mich selbst endlich um meiner Selbst willen lieben kann, wo du nur Hass geschürt hast.

Bis du endlich das Nichts für mich bist, das du sowieso schon bist.

 

Lügengeschichten.

Wenn jemand fragt, “Und, wie geht es dir?”, dann sage ich eigentlich immer “Gut, danke, alles in Ordnung”. Da ich nie das Gefühl habe, mein Gegenüber interessiere sich wirklich für mein Befinden, lüge ich ihm einfach ins Gesicht, sowie mir selbst. “Irgendwie geht schon immer alles” denke ich mir, “du musst dich nur zusammenreißen, das geht schon um.” Ja, es geht auch um, das tut es immer wieder – nur damit sich alles wieder in einem, zwei oder drei Monaten wiederholt. Momentan ist kaum etwas gut, alles versinkt in Chaos wie ein kleines, ramponiertes Boot auf dem offenen, stürmischen Ozean. Die Rettungsreifen sind allesamt kaputt, zerfressen vor Löchern, ohne Luft.

Ich ziehe mich nun schon seit Monaten zurück. Von allen und allem. Das einzige, was ich regelmäßig aufrecht erhalten kann, ist die Arbeit (no na, muss ich ja) und mehr oder weniger regelmäßig das Training. Auch wenn ich mich dazu wirklich mit aller Gewalt aufraffen muss. An Tagen wie heute. Wo einfach alles so anstrengend ist. Nach Wochen wie den letzten. Wo das Aufstehen jeden Tag etwas schwieriger wird. Wo man diese gewisse Müdigkeit verspürt. Die man mit Schlaf nicht in den Griff bekommt.

Und dabei kann ich mich nicht mal beklagen. Arbeitskollegen fragen, wie es mir geht. Leute beim Training. Meine Schwiegerfamilie. Aber ich hab nicht das Gefühl, ich könne mich irgendwem anvertrauen. Weil ich wie oben erwähnt nicht das Gefühl verspüre, dass es jemand wirklich wissen will. Dass es wirklich jemanden kümmert. Obwohl die Bedenken eher die sind, dass ich es einfach niemandem zumuten will, wie es mir momentan geht. Es besteht momentan zu niemandem ein so inniges Vertrauensverhältnis, meinem Empfinden nach. Wenn ich nämlich loslegen würde, würden alle Dämme brechen. Hemmungslos, unaufhaltbar. Wenn ich jemandem sagen könnte, dass ich eigentlich das alles nicht mehr will. Dass ich einfach erschöpft bin. Vom Leben. Vom Kämpfen. Vom Aufstehen. Und vor allem von mir.

Aber selbst, wenn sich einmal ein kurzes Aufblitzen von Vertrauen in mir breit macht; wenn ich ganz kurz das Gefühl habe, jetzt ist der Moment, jetzt könnte ich – dann blockiere ich. Dann nistet sich das eingefrorene Lächeln in meinen Gesichtsmuskeln ein und winkt ab, sagt sich, ach das ist doch alles nicht so schlimm.

Ich rede mir immer ein, die Menschen sind es, die mich anstrengen. Aber wenn ich so darüber nachdenke, machen sie nichts falsch. Ich bin es, die mich anstrengt.

 

Gescheiterte Existenzen.

Gestern war mein Einjähriges in meiner momentanen Arbeitsstelle. Heimlich Sekt nach dem Mittagessen mit den Abteilungskolleginnen, Floskeln wie schnell das jetzt vergangen wäre, et cetera. Ein Jahr. Ende Zwanzig. Bald Dreißig.

Und nichts erreicht. Alle Träume von damals, Visionen, Ideen – verpufft im Alltag, Hoffnungslosigkeit, Depression. In der Forschung arbeiten? Nicht mit deiner Ausbildung. Okay, also keine Karriere. Dann eben ein reges, sozial aktives Privatleben. Fehlanzeige; niemand will mit dir befreundet sein. Gut, dann eben kein Privatleben. Familie; erst mal mit deiner klarkommen und dann – irgendwann? – eine eigene. Tut mir leid, Familienleben ist aus; nicht mal deine eigene Familie will dich haben, also vergiss das mal schön. Hm, ja dann, mach mal eine Therapie (nicht mal 6 Monate habe ich geschafft), versuch mal dich selbst zu lieben und dir ein reichhaltiges, liebenswertes Innenleben zu schaffen. Hört ihr auch das Gelächter bei diesem Plan Z?

Ich höre es. Die ganze Zeit. Und ich höre die hämischen Chöre in meinem Kopf, die mir all mein Scheitern in jedem Aspekt des Lebens vorhalten, Minute für Minute, Stunde für Stunde, Tag für Tag. Nichts erreicht, nichts geschafft, nichts vorzuweisen. Festgefroren in einem Sackgassenjob ohne Chancen auf Weiterbildung oder Aufstieg mit einer mittlerweile abgeschafften und abgestuften, wertlosen Ausbildung. Ein Sozialleben habe ich nicht, da ich offenbar nicht interessant genug bin, dass mir irgendein Freund bleibt. Die einzige Beziehung, die ich habe, mein Partner, wird bombardiert von einer wunderschönen, jungen, sympathischen Ärztin, die jeder sofort ins Herz schließt und die hemmungslos und schamlos meinen Freund anbaggert und mir schlaflose sorgenvolle Nächte beschert. Meine Familie vergisst, dass ich überhaupt existiere und wage ich es, mich zu rühren, werde ich nur angeschnauzt. Ich scheitere schon daran, meine winzige Einzimmerwohnung sauber zu halten. Wobei das eigentlich egal ist – außer den Katzen und mir ist nie jemand hier. Mein Leben besteht aus Arbeit, 4 bis 5 mal die Woche Training und endlosen Stunden vor Netflix und Co.

Wann ist das alles passiert? Wann bin ich so entgleist? Wann habe ich den Halt so verloren, bin vom Straucheln in den freien Fall geraten? Es fühlt sich so an, als habe es nie etwas anderes gegeben, alle glücklicheren Zeiten fühlen sich so unendlich entfernt an, tausende Lichtjahre entfernt, nicht mal mehr eine Erinnerung, sondern mehr wie so ein Deja-Vu, von dem man nicht weiß, ob es wirklich passiert oder ob man es sich einfach so sehr wünscht, dass es wahr wäre, eine Kindheitserinnerung, die eigentlich keine Erinnerung ist, sondern nur eine Einbildung.

“Wenn Plan A nicht funktioniert – keine Sorge, das Alphabet hat noch 25 weitere Buchstaben.” – Ich habe das Alphabet gefühlt zwei mal durch und weiß nicht mehr weiter. Vielleicht das griechische Alphabet zu Rate ziehen? Oder Chinesisch?

Früher dachte ich, mein Leben, das wird etwas. Heute weiß ich, es ist nichts ich bin nichts.