“The loneliest moment in someone’s life is when they are watching their whole world fall apart, and all they can do is stare blankly.” (F. Scott Fitzgerald)

Mein bester Freund redet nicht mehr mit mir. Aber vermutlich sind wir auch gar keine Freunde mehr. Und heute bin ich so einsam, dass ich einfach random people aus meiner Facebook Freundesliste, mit denen ich vor 3000 Jahren mal mehr oder weniger regelmäßig Kontakt hatte, irgendeinen Blödsinn schreibe, an den Haaren herbeigezogenes Wirrwarr, irgendwelche Vorwände um zu schreiben und mit jemandem zu reden. Ich fühle mich ungelogen als wäre ich ganz alleine auf dieser Welt. Willkommen im 21. Jahrhundert, in dem es eigentlich nichts Einfacheres gibt als in Kontakt mit anderen treten – oberflächlich zumindest. Denn eigentlich finde ich nichts schwieriger als Kontakt zu anderen zu finden – oder zu mir selbst, denn den habe ich schon lange verloren. Sowie jeden Kontakt zu irgendeinem anderen Menschen, die früher mal Teil meines Lebens waren.

Ich habe soviel vergeigt. Soviel Möglichkeiten, Chancen in den Sand gesetzt, dass mein Leben einer Sahara gleicht. Der Kletterkurs, bei dem ich ein nettes Mädel kennengelernt habe und dann durch meine super Stalking-Fähigkeiten auf Facebook auch gefunden habe. Nur habe ich mich dann, nachdem wir uns provisorisch zum Klettern verabredet hatten, ein Jahr nicht mehr gemeldet. Fail. Der Rettungsdienst, bei dem ich nicht nur auf sozialer Ebene, sondern auch auf fachlicher Ebene komplett versagt habe. Fail. Die vielen Arbeitskollegen von früheren Arbeitsstellen, denen man versprochen hatte, dass man unbedingt in Kontakt bleiben werde. Fail, Fail, Fail und noch mehr unzählige Fails.

In letzter Zeit habe ich mich öfter betrunken als ich wollte. Ich habe mehr geweint als ich wollte. Ich habe öfter ans Schneiden gedacht (und öfter in die Tat umgesetzt) als ich wollte. Ich habe öfter an Selbstmord gedacht als ich wollte. Und tue es eigentlich ständig, immer, jederzeit.

Lasst nicht zu, dass ihr so sehr in der Einsamkeit versinkt wie ich. Pflegt eure Freundschaften, seid offen für neue Menschen, interessiert euch für sie und ihre Geschichten. Der Mensch ist nicht gemacht für das Alleinsein. Und wenn man erstmal drin ist, gibts keinen Weg mehr nach draußen. Naja – außer einen.

*181

Jetzt ist es eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich den letzten Eintrag verfasst habe, bevor ich auf Urlaub fuhr. Und ich hätte in der letzten Zeit über soviel schreiben können. Nicht mal, weil soviel passiert ist – gut, der Urlaub wäre durchaus einen schönen, langen Eintrag wert, das wird bestimmt noch folgen – nein, sondern weil ich emotional soviel durchlebe zurzeit, dass mir die meiste Zeit schwindlig ist.

Dabei stehe ich gefühlsmäßig momentan eher am Abgrund und bin schon mit einem Bein darüber hinaus, während sich das andere mit aller Kraft in den felsigen Boden zu graben versucht, der nicht nachgibt, während einige Hände der wenigen Menschen, denen mein Wohl am Herzen liegt, mit aller Kraft das Bein festhalten und es weg vom Abgrund ziehen möchten; was ihnen natürlich nicht oder nur sehr schwer gelingt, weil ich ein Mensch bin, der sich gegen Hilfe und Optimismus und das Prinzip Hoffnung zu sträuben weiß, wenngleich ich auch nicht weiß warum. Hilfe und Optimismus und Hoffnung zulassen ist eine Unmöglichkeit für mich. Ich bin eher die Sorte Mensch, die – wie schon öfter erwähnt – sich nicht nur in Selbstmitleid suhlt, nein, die darin ertrinkt, weil das eine meiner größten Stärken ist – sich in Hass und Selbstmitleid und Schuld suhlen, bis jede Faser bis tief in die Poren von all dieser Negativität erfüllt ist.

Tag für Tag wird es für mich schwerer, aufzustehen und mich in diese elendige Hölle, die sich meine Arbeitsstelle nennt, zu schleppen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Jeder Tag raubt mir unendlich viel Kraft. Jeden Tag denke ich nur daran, wie wahnsinnig unterfordert ich bin, wie wertlos und nutzlos ich mich fühle, wie sehr ich etwas anderes tun will. Jede freie Minute in der Arbeit verwende ich darauf, im Internet nach den absurdesten Stelleninseraten zu schauen, in der Hoffnung, irgendwo irgendwas brauchbares zu finden. Ich dachte, ich bräuchte nur Urlaub und eine kleine Pause von der Arbeit und dann geht es wieder – aber im Gegenteil, es wird immer schlimmer. Auch zuhause kann ich nicht abschalten, ich vergifte meine ganze Freizeit mit meinen ständigen Grübeleien, mit meinem Gejammer und ich kann nicht damit aufhören. Ich hangle mich von Feierabend zu Feierabend, dann von Wochenende zu Wochenende.

Der Grinsekater versucht mir eine große Hilfe zu sein und ich bewundere ihn für seine Engelsgeduld und seinen Enthusiasmus, aber er kann es nun einmal doch nicht nachempfinden, wie es mir geht. Ich schreibe Bewerbung um Bewerbung, auf Stellen und initiativ und ernte dabei nichts außer Absagen und Vertröstungen noch und nöcher. Und mit jedem Mal schwindet einfach noch mehr Kraft. Und ich träume weiterhin vom Studium, denn meine Ausbildung war einfach nur reinste Zeitverschwendung, der größte Fehler meines Lebens, der mir alles verbaut. Aber die Chance, dass ich meinen Traum wirklich verfolgen kann, ohne mich massivst zu überschulden, ist verschwindend gering und dennoch kann ich an nichts anderes mehr denken.

Und so plage ich mich Tag für Tag, Woche um Woche und nun kommt noch hinzu, dass der Grinsekater plant, seinen Bachelor nachzuholen, was ich ihm wirklich gönne. Er freut sich und träumt und plant, zuerst der BSc in drei Semestern, dann kann er einen Master dranhängen und dort ein Auslandssemester und dort ein Auslandssemester. Und ich würde mich gerne für ihn freuen, wirklich. Aber insgeheim zerfrisst mich nur der Neid und die Eifersucht und wieder mal das elendige Selbstmitleid und ich fühle mich absolut furchtbar dafür. Und so stürzt man in diesen Teufelskreis und den tiefen, tiefen Abgrund.

*180 – Mein Kryptonit.

Eigentlich wollte ich nach meinem letzten Eintrag nichts mehr schreiben, bevor es in den Urlaub geht. Aber ich kann gerade nicht anders, in meinem Meer aus Hass und Tränen und ja, Selbstmitleid. Ich verglühe vor Hass, ertrinke in Tränen und platze vor Wut. Ein Abend, nein, nicht mal, eine verfluchte Stunde bei dir reicht und ich fühle mich wie der einsamste Mensch in dieser gottverdammten Welt.

Robin Williams sagte einmal, er dachte, es sei das Schlimmste auf Erden, am Ende alleine zu sein. Er lag falsch; das Schlimmste sei es, am Ende mit Menschen zusammen zu sein, die einem das Gefühl geben, alleine zu sein. Und dank dir, Mutter, ach was, Erzeugerin, Gebärmaschine, fühle ich mich nicht nur einsam, nein, ich fühle mich wie der erste, letzte und einzige Mensch auf dieser Erde.

Wenn ich in deine glasigen Augen blicke, das Weiße in den Augäpfeln fast schon rot vor lauter ekelhaftem Rotwein, den du in dich reingeschüttet hast (eine ganze Flasche – um 18 Uhr abends, als ich ankomme) und dich lallen höre, spüre ich einen markanten Würgereiz in mir aufsteigen und ich muss mich zusammenreißen, ihm nicht nachzugeben und dir in dein gottverdammtes, dämliches Gesicht zu kotzen. Die zahllosen Zigarettenstummel im Aschenbecher sprechen dafür, dass du “nicht mehr als zwei Zigaretten am Tag rauchst” – in der einen Stunde, die ich neben dir aushalte, habe ich bei 7 Zigaretten aufgehört zu zählen -, was ja egal sei laut Doktor. Klar, es gibt nichts Besseres, den verbleibenden, vom Lungenkrebs befreiten Dreivierteln deiner von COPD geplagten Lunge dieses Gift zuzumuten. Tagtäglich sehe ich Menschen in meiner Arbeit, die unverdienterweise von Krankheiten geplagt werden, gegen die sie keine Chance haben. Sie siechen dahin, gäben alles dafür, gesund zu werden, verzichten auf alles, was ihnen nicht gut tut und schließlich sterben sie elendiglich. Nein, sie sterben nicht – sie verrecken. Und du bekommst ein Geschenk von unermesslichem Wert und schmeißt es nicht nur auf den Müll. Du trittst mit Füßen drauf, kippst noch eine Wagenladung Dreck drauf und pisst im Anschluss drauf.

Dein neuer Stecher lallt übrigens gleich wie du vor sich hin, während er sich ebenfalls im 10-Minuten-Takt eine Zigarette nach der anderen anzündet und labert irgendeinen Schwachsinn mit seiner ekelhaft rauchigen Stimme vor sich hin. Und dann lallst du weiter und erzählst mir von einer ehemaligen Mitschülerin von mir, und du sollst mir liebe Grüße von ihr bestellen. Und sie habe sich ja gut gemacht, hat ein Diplom in irgendeinem Servierjob oder so etwas. Auf meinen Einwand hin, dass ich von dieser ach so netten Mitschülerin in der Schule nur drangsaliert wurde, winkst du ab, das stimme ja nicht. Nein, es stimmt nicht, ich habe mir wohl nur eingebildet, dass sie mir einfach so die Haare abgeschnitten hat, mich bloßgestellt hat, meine Geheimnisse der Klasse weitererzählt hat, Gerüchte über mich verbreitet hat. Du winkst ab. Sie hat sich ja so gut gemacht, redest du weiter.

Habe ich mich nicht gut genug gemacht für dich? Obwohl ich dich Rabenmutter als Erzeugerin hatte? Habe ich von dir je ein an mich gerichtetes Wort des Lobes oder Stolzes vernommen? Habe ich mich nicht gut genug gemacht für dich, obwohl ich im Leben keinerlei Hilfe von irgendwem hatte, nur Steine in den Weg gelegt bekommen habe, die meisten von dir? Obwohl ich Nacht für Nacht in meinem Zimmer saß, am Boden, mit dem Rücken zur Wand, Messer, Scheren und Scherben in den Armen und den Beinen, während du schnarchend in deinem Bett lagst, komatös von den unendlich vielen Litern Wein, die in deinen Venen fl0ßen? Ohne Hilfe in irgendeiner Art und Weise – emotional, finanziell, tatkräftig – habe ich es geschafft, nicht zu sterben, obwohl alles, alles in mir, jede Zelle und jede Pore danach schrie – “Bring dich um, bring dich um! Es fällt ja doch keinem auf!” Nein, ich bin leider nicht gestorben, ich habe mich gut gemacht – für dich aber nicht genug, denn ich habe von dir noch nie ein positives Wort vernommen.

Ich bin ein Baum ohne Wurzeln. Ein Baum ohne Wurzeln kann eigentlich nicht überleben. Aber ich bin ein Baum ohne Wurzeln und ich lebe und ich habe eine riesengroße Krone voller grüner Blätter und bunter Blüten, die in allen Farben schimmern. Immer wieder kommt ein starker Wind und raubt mir die Blüten und die Blätter und ich stehe nackt da, zitternd, ängstlich, schwankend, weil ich keine Wurzeln habe, die mich halten, auf die ich mich verlassen kann. Aber trotz des Schwankens und des Biegens und des fast Brechens steht der Baum noch und die Blüten und die Blätter kommen immer wieder. Es dauert oft und es dauert von Mal zu Mal länger – aber der Baum steht noch, ich stehe noch.

Eine halbe Stunde stand ich gerade unter kochend heißem Wasser, während noch heißere Tränen in Minutentakt sich mit dem Duschwasser vermischten, weil ich diesem elenden Gefühl, das du mir gibst, nicht und nicht Herr werden konnte. Jeder Besuch bei dir und jeder Gedanke an dich verursacht mir Schmerzen, die tief im Inneren vor sich hinglühen und brodeln und kochen wie Magma im Erdinneren, Schmerzen, die einzelne Wunde aufreißen, die ich verheilt geglaubt habe. Du bist das Kryptonit meines Lebens – mein Ursprung und mein Tod zugleich.

Ich weiß nicht, ob ich dich hassen oder dich bemitleiden soll.

*179 – Auszeit nehmen.

Nein, nicht vom Bloggen. Obwohl ich in letzter Zeit wirklich unregelmäßig schreibe, was mir leid tut. Mein Job macht mir ziemlich zu schaffen und deswegen unternehme ich viel und bin viel unterwegs, um mich abzulenken.

Und morgen starte ich in einen zweiwöchigen Griechenland-Urlaub mit dem Grinsekater, was in vielerlei Hinsicht eine Premiere ist. Es ist mein erster richtiger Urlaub. Es ist mein am weitesten entfernter Urlaub. Es ist mein erster längerer Urlaub mit Partner. Es ist mein erster Camping- und Adventureurlaub. Es ist mein erster richtiger Urlaub überhaupt, seit ich in der Klinik arbeite.

Mein Rucksack ist sicher so schwer wie ich und fast so groß. Schlafsack, Isomatte, Campinggeschirr. Kletterausrüstung, um in den Felsen der Meteoraklöster zu emporzuklettern, Wanderschuhe, um den Olymp zu besteigen.

2 Wochen lang mit dem Auto durch ein fremdes Land fahren. Am Meer, am Strand, in den Bergen, durch Olivenhaine. Ich war noch nie so aufgeregt, nervös, freudig erregt und neugierig wie jetzt.

Ich wünsche euch derweilen eine wunderbare Zeit. Passt auf euch auf.

*178 – allein auf weiter Flur.

In letzter Zeit stehe ich ziemlich alleine auf weiter Flur, scheint mir jedenfalls. Es läuft bei mir gerade gar nicht wirklich gut in einigen Bereichen – vor allem Familie, Finanzen, Beruf und Umfeld. Und irgendwie scheint mir keiner, dem ich mich anvertraue (was mir ja irrsinnig leicht fällt – not) wirklich Gehör zu schenken.

C. hat mir immer wieder gesagt, dass sie gerne bei mir ein Coaching machen würde. Weil sie für ihre Weiterbildung jemand coachen muss und ich davon profitieren könnte. Und nun laufe ich ihr ständig wegen eines Termins hinterher und bekomme keine Antwort. Ich hatte da wirklich ein paar Hoffnungen rein gesetzt, weil ich beruflich derzeit wirklich ziemlich perspektivenlos bin und Hilfe gebrauchen könnte, etwas Ordnung in das Chaos aus Ideen in meinem Kopf zu bringen.

Meinem  Bruder habe ich vor einer Woche eine Mail geschrieben und ziemlich viel gejammert. Wir haben uns früher immer oft und viel geschrieben und über unsere Leben gejammert, aber auch von ihm höre ich nichts. Ich weiß, dass er auch immer viel zu knabbern hat, aber eine Woche Funkstille ist trotzdem komisch. Bei jedem Emailton von meinem Handy hoffe ich auf eine Antwort seinerseits.

Früher habe ich solche Sachen oft mit meinem Vater besprochen. Nach dem Vertrauensbruch vor einem Monat und seiner Entschuldigung letzte Woche (auf die ich ihn hinweisen musste) bin ich aber zurückhaltend. Es fällt mir schwer, so zu tun als wäre alles beim alten und ihm etwas anzuvertrauen.

Mein bester Freund ist sowieso seit einem halben Jahr zurückgezogen und abweisend, aufgrund vieler Faktoren. Allerdings ist er der einzige, der zumindest ab und an mal etwas Produktives sagt, was ich ihm zu Gute halten muss.

I. meldet sich nur sehr sporadisch zurück auf meine Nachrichten. Und wenn, dann meist nur mit irgendeinem (unpassenden), lustig gemeinten Kommentar, der so absolut gar nicht weiterhilft.

Dem Grinsekater kann ich es langsam nicht mehr zumuten, dass er sich ständig meine Tiraden anhören muss. Irgendwann, noch früher als sonst, wird er die Schnauze bald voll von mir haben. Also muss ich sparsam damit umgehen, wie viel Wahnsinn und Gejammer ich ihm zumuten kann.

Ich bin jetzt eine Woche krank geschrieben. Und komme mir total abgeschottet von der Welt da draußen vor; isoliert und gefangen in mir selber. Der Fernseher läuft den ganzen Tag mit irgendwelchen dummen Wiederholungen noch dümmerer Serien, weil ich die Stille nicht ertrage und mich gleichzeitig auf nichts länger als 2 Minuten konzentrieren kann. Mir fällt die Decke auf den Kopf – nach nicht mal einem Tag. Weil ich hier gezwungen bin, mich selbst auszuhalten. Und das konnte ich noch nie und das werde ich wohl auch nie können.

 

*177 – Schlechtes Geschäft.

Was ist eine Beziehung eigentlich, dachte ich vor kurzem. Eigentlich sind es zwei Menschen mit eigenständigem Leben, die sich dazu entschließen, gemeinsam ein drittes Leben zu bauen, zu gestalten, zu leben. Keiner gibt sich für den anderen auf und lässt ihm dennoch genug Raum. So weit, so gut.

Machen wir mal eine Art Kassensturz. Nur so, zum Spaß. Was habe ich durch den Grinsekater alles gewonnen? Eine Menge, wirklich eine große Menge. In erster Linie: natürlich ihn. Aber neben einem liebevollen, verrückten, aufgeweckten und lebenslustigen Menschen, der Abenteuer nicht scheut und immer neue Herausforderungen sucht und sie mit mir teilt, habe ich noch einen ganzen Haufen neue Menschen kennengelernt. Seine (große) Familie, seinen großen Freundeskreis. Allesamt sehr nette Leute, die mich herzlich aufgenommen haben. Durch ihn habe ich außerdem viel neues gewagt, Herausforderungen angenommen, neue Hobbies entdeckt. Ich habe viel über mich gelernt, traue mich mehr und kann mehr aus mir herausgehen. Ein richtig großer Gewinn also.

Gut, dann sehen wir auf seine Seite. Da wäre dann ich. Ja. Eine Familie? Fehlanzeige. Vermutlich werde ich mich bald ganz von meiner kaputten Familie zurückziehen, mit ihr brechen. Fällt das schon mal weg. Sehen wir weiter. Ein großer Freundeskreis? Fehlanzeige Nummer zwei. Nichts Nennenswertes, keiner hat wirklich Interesse an Kontakt. Hat er durch mich irgendwas Tolles, Neues gelernt? Was Neues ausprobiert? Ein neues Hobby gefunden? Mh.. auch nicht wirklich. Oh, ja, ich war einmal mit ihm slacklinen. Klasse. Nein. Er bekommt nur mich; ein kaputtes Irgendwas, ein Wrack voller seelischer und körperlicher Narben, das sich ständig Sorgen macht, rumkopft und irgdnwann sowieso alles kaputt macht, was nur kaputt zu machen geht.

Und da ist die Erkenntnis – ich bin der Nutznießer in dieser “Symbiose”. Weil eigentlich ist es keine Symbiose. Bei einer Symbiose gibt jeder Teil dem Partner was ab. Beide profitieren.  Ich hingegen, ich bin ein Parasit. Ein widerlicher, ekelhafter Schmarotzer, der immer nur nimmt und nimmt und nichts geben. Könnte ich etwas geben, ich würde es. Aber ich habe nun mal nichts, rein gar nichts anzubieten. Nur mich. Aber das wird bei weitem nicht reichen. Denn ich habe noch nie für irgendwas gereicht. Also werde ich auch diesmal nicht genügen, er wird sich irgendwann langweilen, wird sich irgendwann fragen, was ich ihm bringe, was er eigentlich von mir hat,  Und ich werde sagen “nur mich” und er wird – logischerweise – gehen, weil es eben nicht genügen wird.

*176 – Ein Browser mit 1000 Tabs.

Darf ich vorstellen? Mein Kopf. Ein Browser mit 1000 geöffneten Tabs. Mir schwirren ständig tausende Gedanken durch den Kopf, gleichzeitig und immer. Sie überlagern sich, bekämpfen sich, manche hetzen sich auch noch gegenseitig auf. Mein Kopf gibt nie Ruhe.

Ich möchte sie gerne Schritt für Schritt abarbeiten. Aber mein Kopf hält sich natürlich nicht an meine To-Do-Liste. Da versuche ich in einem Moment, Ordnung in meine beruflichen Pläne zu schaffen. Mir meine Möglichkeiten aufzulisten und zusammenzudenken. Im nächsten drängt sich die immer noch vorhandene Enttäuschung über meine Familie (seit einem Monat nichts gehört und auch nach wie vor keine Entschuldigung bekommen) in den Vordergrund und versperrt mir jede Sicht. Dann denke ich daran, dass ich unbedingt die Zeit mit dem Grinsekater genießen sollte, solange er noch da ist, weil er bestimmt bald weg sein wird, immerhin bringe ich im Gegensatz zu ihm null Input in  diese Beziehung ein und bin sowieso die absolute Nullnummer. Und so weiter. Ich weiß nicht mehr, wo oben und unten oder vorne und hinten ist.

Und zum drüber Reden ist niemand da. Also staut sich alles zusammen, bis irgendwann der Damm bricht.

*175 – “Für verlorenes Vertrauen …

… gibt es kein Fundbüro” sagte Ernst Ferstl. Und er hat recht.

Mit Vertrauen habe ich ohnehin ein großes Problem. Ich vertraue niemandem zu 100%. Weder meinem besten (einzigen) Freund noch in meiner Beziehung. Wüsste der Grinsekater um mein schwarzes, düsteres Innenleben, um die emotionale Katastrophe, die ich bin, wäre er vermutlich schneller weg als ich blinzeln könnte. Deswegen halte ich alles in dieser Richtung so gut es geht verborgen; zumindest solange, wie es geht, denn einzelne Risse sind ja leider auch auf der Außenseite sichtbar. Ich will es noch genießen, weil irgendwann wird er ohnehin herausfinden, was für ein absolut kaputtes, zerstörerisches Wrack ich bin, unrettbar verloren und verkorkst, und wer will schon mit so einem Menschen zusammen sein, ein Leben teilen, eine Zukunft haben? Und dann wird es vorbei sein, wie jede Beziehung und jede Freundschaft, die ich hatte. Wobei mir da aufgefallen ist, dass eigentlich keiner von diesen Menschen die Verbindung zu mir von selbst abgebrochen hat. Nein, es war vielmehr so, dass der Kontakt von der anderen Seite immer weniger wurde, dass ich immer gleichgültiger und schlechter behandelt wurde, bis ich schließlich einen Schlussstrich zog, weil ich es nicht mehr ertrug; weil die Gegenseite nie den Mut hatte, diesen Schritt zu tun und die Drecksarbeit zu machen. Und weil es ja immer besser klingt, wenn man sagen kann, dass man verlassen wurde und nicht, dass man verlassen hat. Dass man das Opfer ist, nicht der Täter. Dass man ja der gewesen wäre, der kämpfen wollte und nicht der, der aufgegeben hat. Und mit jedem Mal bröckelte mein Vertrauen in die Menschen etwas mehr.

Ich dachte immer, zumindest meinem Vater könne ich vertrauen. Als ich ihm sagte, er solle meiner Mutter bitte nichts von meiner neuen Beziehung erzählen, dachte ich wirklich, ich könne ihm glauben. Ich will, dass meine Erzeugerin so wenig wie möglich aus meinem Leben weiß. Es interessiert sie sowieso nicht wirklich und sie hat außer dummer, verletzender Kommentare sowieso nie etwas anderes dafür übrig. Also wollte ich nicht, dass sie es erfährt; je weniger sie über mich weiß, umso weniger Macht hat sie über mich. Aber natürlich kann er sich nicht daran halten, nein. Niemand in meiner Familie hat irgendeine Ahnung von gegenseitigem Respekt, Vertrauen oder Anstand. Und sie haben allesamt keine Ahnung, welche Zerstörung sie damit anrichten. Der Gedanke daran, das Wissen, nicht einmal meiner eigenen Familie vertrauen zu können, hat mich wirklich von Grund auf erschüttert. Ich war gerade im Fitnessstudio, als mir das bewusst wurde und ich hatte alle Hände voll zu tun, nicht sofort beide Fäuste in den Spiegel mir gegenüber zu rammen, aus dem mich meine traurigen und erschütterten Augen anblickten. Und seidem kocht ich mir so eine immense Wut auf, brodelnd, siedend, wie ein Vulkan voll rot glühender Lava, kurz vor dem Ausbruch, mit kurzzeitigen Eruptionen der Verzweiflung und der Enttäuschung.

Es geht gar nicht so sehr darum, dass sie es nun weiß. Sie hat – oh Wunder – eh nicht wirklich danach gefragt, es nur kurz erwähnt. Ist ja auch ziemlich langweilig und wenig interessant, wenn sie einzige Tochter eine neue Beziehung hat, oder? Na, da gibts viel Wichtigeres, wie den Dorftratsch zum Beispiel. Nein, was mich so im Innersten verletzt, ist die Tatsache, dass eines der einzigen Familienmitglieder, von dem ich dachte, es wäre anders, mich hintergangen hat. Im Prinzip geht es auch nicht darum, welche Information er verbreitet hat, es geht darum, DASS er sie verbreitet hat. Selbst, wenn die Information ein Kinkerlitzchen gewesen wäre, von null persönlichem Wert, gehört mein Wunsch respektiert. Und wenn die eigene Familie dich, dein Leben, deine Entscheidungen nicht respektiert, wer dann?

Familie ist wertlos. Familie ist das Letzte. Zumindest meine. Und das wird sich nie nie nie ändern, egal, wie sehr ich es versuche. Egal ob ich aktiv daran arbeite oder versuche meine Sichtweise zu verändern. Sie wird mich immer und immer wieder enttäuschen, wie sie es schon mein Leben lang tut, immer tun wird. Aber eigentlich bin ich viel mehr auf mich selbst wütend. Dass ich mal wieder so elendig dumm war, zu denken, es könnte sich etwas ändern in dieser kaputten Familiendynamik. Dumm dumm dumm. Ein Stück Toastbrot verfügt über mehr Intelligenz als ich.Ein Stück Toastbrot würde nicht immer wieder auf die gleichen Menschen hereinfallen.

*174 – Wenn im Wald ein Baum umfällt.

Und niemand da ist, der es hört – ist er dann wirklich umgefallen?

Mir gehts technisch gesehen gerade gut. Vor allem mit ihm und wegen ihm. Mein Leben ist nicht perfekt; war es nie, wird es nie, da mache ich mir keine Illusionen. Mein Sozialleben wird irgendwie immer eine ewige Baustelle bleiben, meine jobtechnische Unzufriedenheit wird auch immer anhalten, hab ich so das Gefühl. Aber gerade ist es okay, gerade ist es gut, alles in allem. Und weil da so ist, würde ich es so gerne teilen: mit den Menschen, die mir wichtig sind, denen ich wichtig bin. Und zwar nicht aus dem Grund, dass ich angeben will; nein, eigentlich, weil ich hoffe, dass es den einen oder anderen freut, dass es mir, MIR, auch mal gut gehen kann, weil ich sonst immer so ein Wrack bin. Weil ich hoffe, dass ich jemanden mit meiner Freude und meinem Glück anstecken kann. Weil Glück das Einzige ist, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.

Aber irgendwie scheint mir, will es keiner hören. Stattdessen werde ich derzeit in einer Tour nur als seelischer Mülleimer genutzt. Man verstehe mich bitte nicht falsch; ich bin gerne für meine Menschen da, keine Frage. Ich bin es sogar über die Maßen; ich erinnere mich noch gut an Zeiten, in denen der Wein neben mir noch nicht warm, die Tränen auf meinem Gesicht noch nicht trocken und das Blut auf meinem Arm noch nicht geronnen war, während ich über Facebook-Chat oder Whatsapp anderen Mut zugesprochen habe und ihnen ein offenes Ohr geliehen habe, bei ihren immer gleichen Miseren, während in meinem Hirn nur ein Gedanke kreiste: ich will sterben ich will sterben ich will sterben.

Aber heute, heute geht es mir gut. Und ich würde gerne davon erzählen dürfen. Ich würde gerne gefragt werden, wie es mir geht, wie es läuft, ob ich glücklich bin. Ich würde gerne verschmitzt lächeln und nicken und lachen. Aber niemand fragt wie, wie es mir geht. Niemand fragt, wie es läuft. Niemand fragt, ob ich glücklich bin.

Ich denke dann an diese unzähligen TV-Serien a la SatC oder HIMYM (die sowieso fernab jeglicher Realität zu sein scheinen), in denen eine schier unzerstörbare Clique alle paar Tage zusammensitzt und ihre Leben miteinander teilt, in der sich Freundinnen unverhohlen nach Details aus deinem Sexleben erkundigen und man bereitwillig Auskunft gibt. Stattdessen warte ich oft wochenlang von “Freunden” und Bekannten auf eine Antwort auf mein “Hey” oder “gehen wir mal wieder auf einen Kaffee?”, lasse mir seit Wochen vom Besten zum immergleichen Thema ein Ohr abkauen, der immer nur auf der Stelle tritt, der all meine Ideen und Vorschläge ohne mit der Wimper zu zucken abweist, ohne einmal von mir sprechen zu können, ohne egoistisch zu wirken. Und so weiter.

Dabei könnte ich manchmal so platzen. Ich würde gerne erzählen, dass er der unkomplizierteste Mensch ist, den ich kenne. Der aus meiner Stammelei im Whatsapp (“Ich weiß, es ist immer schwierig wenn man noch lange zusammen ist .. ahm.. und ich muss bald mal meine Urlaubsplanung in der Arbeit besprechen ..ähm.. ob du dir vorstellen kannst, mit mir dieses Jahr ein paar Tage wegzufahren?” – “Ende Mai, 10 Tage Griechenland?”) gleich Nägel mit Köpfen macht und einen Flug bucht, Kletterrouten sucht und Unterkünfte raussucht. Oder dass er nach einem wegen ihm etwas verplanten und für mich sinnlosen Sonntag ein schlechtes Gewissen bekommt und mich spät am Abend noch besucht. Oder dass er während seiner diesmal etwas doof gelegenen Dienste wegen einer mickrigen Stunde vor dem Nachtdienst noch zu mir kommt, damit wir uns sehen. Oder, oder, oder. Ich würde das gerne rausschreien in die Welt, was er für ein toller Mensch ist, wie gut er mir tut – und dass er mich zu einem besseren Menschen macht. Weil das eine Leistung ist, die ordentlich Respekt verdient. Ich würde meinen Freunden und Bekannten gerne verliebt vorschwärmen, wie toll er ist; ich würde gerne sehen, dass sich jemand für mich freut. Weil dadurch das Glück realer wird.

Wenn ich glücklich bin, und niemand da ist, mit dem ich es teilen kann – bin ich es dann?

 

*173 – Falsche Entscheidungen.

Seit Tagen, nein, fast Wochen bin ich wieder im Grübelkarussell gefangen, ohne Chance auf Entkommen. Ich hatte gehofft, mein Unmut über die Arbeit würde sich mit dem Weihnachtsurlaub und den Feiertagen legen und ich würde gut gelaunt und motiviert wieder in die Arbeit starten – Fehlanzeige. Von Tag zu Tag werde ich unmotivierter, müder, genervter, unglücklicher. Die Routine hat mich fest im Griff; jeden Montag diese Ambulanz, jeden Donnerstag meine Spezialuntersuchungen, Samstag und Sonntag frei, dann die nächste Woche, und so weiter. Ein Hamsterrad; genau das, was ich nie wollte, diese elendige Routine, keine Abwechslung, Tag ein, Tag aus.

Seit ich durch den Grinsekater direkt vor Augen habe, was ich gerne hätte (wechselnde Tagdienste, Nachtdienste, Wochenenddienste), wird mir noch bewusster, wie die Routine an mir nagt. Natürlich haben meine Dienstarten Vor- und Nachteile, das ist mir bewusst. Aber ein Grund, warum ich jobmässig in Richtung Medizin gegangen bin, war eben die Art der Arbeitseinteilung. Weil man in der Gestaltung seines Lebens viel freier sein kann. KANN. Hätte ich eben damals andere Entscheidungen getroffen, hätte ich jetzt eine bessere Ausbildung, hätte schon mehr Geld ansparen können, keine Schulden, könnte in tollen, interessanten Labors arbeiten mit wechselnden Schichten, könnte spannende Forschung betreiben, etwas weiterbringen, mein Leben und meine Arbeit sinnvoll verbringen, mich nicht so nutzlos fühlen … hätte hätte Fahrradkette.

Aber: ich habe alles falsch gemacht. Und von Tag zu Tag schwindet meine Energie, weiter an meinen Traum zu glauben, dafür aufzustehen, mich dafür zu bemühen. Weil von Tag zu Tag die realistische Chance, dass ich das wirklich irgendwann machen kann, immer kleiner wird. Seien wir ehrlich; wie sollte ich das bewerkstelligen? Mit Anfang 30 oder noch später nochmal studieren, ohne Geld, ohne Förderungen, dafür mit einer Menge Fixkosten, einer Menge Schulden und Verpflichtungen? Fraglich, ob ich das Studium überhaupt schaffe und dann einen Job finde in dem Alter und vergleichsweise wenig Berufserfahrung? Und dann noch einmal bei Null anfangen? Unmöglich.

Proportional zur schwindenden Energie steigt dafür mein Hass auf mich selbst wegen meines absolut verpfuschten Lebenslaufes immer weiter an. In meinem Kopf hagelt es Selbstvorwürfe noch und nöcher, Schimpftiraden gepaart mit Selbstmitleidsmonsunen, gleichzeitig mit diesem brennenden und nagenden Gefühl des Versagt-Habens und des Weiter-Versagens. Das Versagen zieht sich durch mein Dasein wie ein roter Faden. Gleichzeitig könnte ich mich für meine stetige und ständige Unzufriedenheit hassen. Anstatt dankbar zu sein für einen sicheren Job im Krankenhaus mit guter Bezahlung und zumindest ein wenig sinnvoller Tätigkeit, quäle ich mich dennoch ständig einzig und alleine mit den Gedanken daran, was ich nicht habe, verpasst habe, verpasse, verkackt habe und verkacke, was ich gerne hätte, aber nicht kriegen kann – wie ein trotziges Kind.