“Ich hatte auch nie solche Möglichkeiten.”

“Ich bräuchte das Geld ja nicht, um mir ein schönes Leben zu machen. Oder um ein Auto zu kaufen. Nein, Mama, ich bräuchte es, weil ich nächstes Jahr endlich studieren möchte. Weil ich unglücklich in meinem Job, mit meiner Ausbildung bin. Weil ich immer unter meinem Niveau arbeiten muss. Weil ich einfach endlich mehr Qualifikationen haben möchte, mehr Möglichkeiten haben möchte, mich beruflich weiterentwickeln möchte.” – “Tja, ich will ja nichts sagen. Aber ich hatte auch nie solche Möglichkeiten.”

Und weil du nie solche “Möglichkeiten” hattest, gönnst du sie auch mir nicht. Denn niemand darf es besser haben als du. Niemand darf glücklich werden oder sich entfalten, weil du es nicht bist und du es nie konntest. Weil du ständig und immer noch Opfer warst und bist. Weil du, seit du 17 Jahre alt bist und meinen Bruder auf die Welt gebracht hast (Birth control gab es auch in den 80er Jahren schon) eigentlich nur ein Opfer bist. Weil du in deinem ganzen Leben noch nie auch nur einen Hauch von Verantwortung für dein Leben übernommen hast. Denn dann müsstest du dir ja eingestehen, dass eigentlich nur du Schuld an deinem miserablen Leben hast. Dass du keinem anderen den schwarzen Peter zuspielen kannst, außer dir selbst. Und wir, deine Kinder, mussten es schon unser ganzes Leben lang müssen.

Welche Mutter wünscht sich denn, dass das eigene Kind genauso unglücklich und unterfordert ist, wie man selbst? Welche Mutter gönnt ihrem Kind den Erfolg nicht, das Streben nach Mehr, nach Karriere, nach beruflicher Verwirklichung? Genau, eine Rabenmutter. Eine reine Erzeugerin, eine reine Gebärmaschine. Den Titel “Mutter” verdienst du jedenfalls nicht.

Nun gehst du auf die 70 zu und merkst, dass du in deinem Leben nichts anderes zustande gebracht hast, als alle deine 4 Kinder bis aufs Letzte zu verkorksen und kaputt zu machen. Du hast uns alle 4 gebrandmarkt fürs Leben. Jeder von uns strauchelt auf seine Weise – der eine mit Drogen, mit Alkohol, mit Menschen, mit der Liebe, ich schneide mir seit über einem Jahrzehnt meinen Körper auf und blute das Gift aus, das du mir über 20 Jahre durch dein Tun, deine Worte, dein Nicht-Tun tagtäglich injiziert hast. Weil du unfähig warst. Weil du dein Unglück an uns ausgelassen hast.

Erst vor kurzem wurde mir etwas Wichtiges bewusst und ich glaube langsam wirklich, dass es noch Hoffnung für mein kaputtes Hirn, mein gebrochenes Herz gibt. Früher dachte ich immer, ständig, dass ICH das Schlimme in meinem Leben bin. Dass ich der Schatten bin, der sich über mich legt. Dass ich ein böser Mensch bin, nicht liebenswert, schlecht, nicht gut genug, nichts wert und nutzlos. Weil das der einzige Grund sein konnte, dass nicht mal meine eigene Mutter mich lieben und unterstützen und schätzen könne.

Aber als ich dann nachdachte, fiel mir auf, dass es in meinem Leben immer wieder Menschen gab, vor allem Schwiegereltern, die mich sehr wohl schätzten. Mochten. Mich gerne um sich hatten. Mir zuhören. Mich unterstützten. Mich mehr liebten als meine eigene Familie das je gekonnt hätte. Ohne, dass sie das je gemusst hätten.

Und so sind es auch diesmal wieder meine Schwiegereltern und meine bessere Hälfte, die mir Mut zusprechen. Mich ermutigen, das Studium in Angriff zu nehmen. Mich allem zu stellen, was sich mir in den Weg stellt, weil sie an meiner Seite stehen werden. Die mich unterstützen. Die stolz auf mich sind. Die sich für mich freuen. Sie lassen mich bei sich wohnen während es Studiums, damit ich es mir leisten kann. Denn Unterstützung bekomme ich nicht, von niemandem. Zumindest nicht in finanzieller Hinsicht. Dafür tatkräftigst und emotional von diesen eigentlich fremden Menschen, die mich herzlichst ohne mit der Wimper zu zucken in ihren Kreis aufgenommen haben und das auch jeden Tag aufs Neue tun.

Und wie dankbar ich dafür bin. Jede verdammte Minute. Und wie schwer es mir auf der anderen Seite fällt, das zuzulassen. Aber ich lerne. Stück für Stück. Und lege die Last, die du mir mit meiner Geburt auf die Schulter gelegt hast, langsam ab. Tag für Tag befreie ich mich von dir. Bis du einfach verschwunden bist. Bis dein Gift aus jeder meiner Venen und Arterien verschwunden ist. Bis ich mich selbst endlich um meiner Selbst willen lieben kann, wo du nur Hass geschürt hast.

Bis du endlich das Nichts für mich bist, das du sowieso schon bist.

 

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Lügengeschichten.

Wenn jemand fragt, “Und, wie geht es dir?”, dann sage ich eigentlich immer “Gut, danke, alles in Ordnung”. Da ich nie das Gefühl habe, mein Gegenüber interessiere sich wirklich für mein Befinden, lüge ich ihm einfach ins Gesicht, sowie mir selbst. “Irgendwie geht schon immer alles” denke ich mir, “du musst dich nur zusammenreißen, das geht schon um.” Ja, es geht auch um, das tut es immer wieder – nur damit sich alles wieder in einem, zwei oder drei Monaten wiederholt. Momentan ist kaum etwas gut, alles versinkt in Chaos wie ein kleines, ramponiertes Boot auf dem offenen, stürmischen Ozean. Die Rettungsreifen sind allesamt kaputt, zerfressen vor Löchern, ohne Luft.

Ich ziehe mich nun schon seit Monaten zurück. Von allen und allem. Das einzige, was ich regelmäßig aufrecht erhalten kann, ist die Arbeit (no na, muss ich ja) und mehr oder weniger regelmäßig das Training. Auch wenn ich mich dazu wirklich mit aller Gewalt aufraffen muss. An Tagen wie heute. Wo einfach alles so anstrengend ist. Nach Wochen wie den letzten. Wo das Aufstehen jeden Tag etwas schwieriger wird. Wo man diese gewisse Müdigkeit verspürt. Die man mit Schlaf nicht in den Griff bekommt.

Und dabei kann ich mich nicht mal beklagen. Arbeitskollegen fragen, wie es mir geht. Leute beim Training. Meine Schwiegerfamilie. Aber ich hab nicht das Gefühl, ich könne mich irgendwem anvertrauen. Weil ich wie oben erwähnt nicht das Gefühl verspüre, dass es jemand wirklich wissen will. Dass es wirklich jemanden kümmert. Obwohl die Bedenken eher die sind, dass ich es einfach niemandem zumuten will, wie es mir momentan geht. Es besteht momentan zu niemandem ein so inniges Vertrauensverhältnis, meinem Empfinden nach. Wenn ich nämlich loslegen würde, würden alle Dämme brechen. Hemmungslos, unaufhaltbar. Wenn ich jemandem sagen könnte, dass ich eigentlich das alles nicht mehr will. Dass ich einfach erschöpft bin. Vom Leben. Vom Kämpfen. Vom Aufstehen. Und vor allem von mir.

Aber selbst, wenn sich einmal ein kurzes Aufblitzen von Vertrauen in mir breit macht; wenn ich ganz kurz das Gefühl habe, jetzt ist der Moment, jetzt könnte ich – dann blockiere ich. Dann nistet sich das eingefrorene Lächeln in meinen Gesichtsmuskeln ein und winkt ab, sagt sich, ach das ist doch alles nicht so schlimm.

Ich rede mir immer ein, die Menschen sind es, die mich anstrengen. Aber wenn ich so darüber nachdenke, machen sie nichts falsch. Ich bin es, die mich anstrengt.

 

Gescheiterte Existenzen.

Gestern war mein Einjähriges in meiner momentanen Arbeitsstelle. Heimlich Sekt nach dem Mittagessen mit den Abteilungskolleginnen, Floskeln wie schnell das jetzt vergangen wäre, et cetera. Ein Jahr. Ende Zwanzig. Bald Dreißig.

Und nichts erreicht. Alle Träume von damals, Visionen, Ideen – verpufft im Alltag, Hoffnungslosigkeit, Depression. In der Forschung arbeiten? Nicht mit deiner Ausbildung. Okay, also keine Karriere. Dann eben ein reges, sozial aktives Privatleben. Fehlanzeige; niemand will mit dir befreundet sein. Gut, dann eben kein Privatleben. Familie; erst mal mit deiner klarkommen und dann – irgendwann? – eine eigene. Tut mir leid, Familienleben ist aus; nicht mal deine eigene Familie will dich haben, also vergiss das mal schön. Hm, ja dann, mach mal eine Therapie (nicht mal 6 Monate habe ich geschafft), versuch mal dich selbst zu lieben und dir ein reichhaltiges, liebenswertes Innenleben zu schaffen. Hört ihr auch das Gelächter bei diesem Plan Z?

Ich höre es. Die ganze Zeit. Und ich höre die hämischen Chöre in meinem Kopf, die mir all mein Scheitern in jedem Aspekt des Lebens vorhalten, Minute für Minute, Stunde für Stunde, Tag für Tag. Nichts erreicht, nichts geschafft, nichts vorzuweisen. Festgefroren in einem Sackgassenjob ohne Chancen auf Weiterbildung oder Aufstieg mit einer mittlerweile abgeschafften und abgestuften, wertlosen Ausbildung. Ein Sozialleben habe ich nicht, da ich offenbar nicht interessant genug bin, dass mir irgendein Freund bleibt. Die einzige Beziehung, die ich habe, mein Partner, wird bombardiert von einer wunderschönen, jungen, sympathischen Ärztin, die jeder sofort ins Herz schließt und die hemmungslos und schamlos meinen Freund anbaggert und mir schlaflose sorgenvolle Nächte beschert. Meine Familie vergisst, dass ich überhaupt existiere und wage ich es, mich zu rühren, werde ich nur angeschnauzt. Ich scheitere schon daran, meine winzige Einzimmerwohnung sauber zu halten. Wobei das eigentlich egal ist – außer den Katzen und mir ist nie jemand hier. Mein Leben besteht aus Arbeit, 4 bis 5 mal die Woche Training und endlosen Stunden vor Netflix und Co.

Wann ist das alles passiert? Wann bin ich so entgleist? Wann habe ich den Halt so verloren, bin vom Straucheln in den freien Fall geraten? Es fühlt sich so an, als habe es nie etwas anderes gegeben, alle glücklicheren Zeiten fühlen sich so unendlich entfernt an, tausende Lichtjahre entfernt, nicht mal mehr eine Erinnerung, sondern mehr wie so ein Deja-Vu, von dem man nicht weiß, ob es wirklich passiert oder ob man es sich einfach so sehr wünscht, dass es wahr wäre, eine Kindheitserinnerung, die eigentlich keine Erinnerung ist, sondern nur eine Einbildung.

“Wenn Plan A nicht funktioniert – keine Sorge, das Alphabet hat noch 25 weitere Buchstaben.” – Ich habe das Alphabet gefühlt zwei mal durch und weiß nicht mehr weiter. Vielleicht das griechische Alphabet zu Rate ziehen? Oder Chinesisch?

Früher dachte ich, mein Leben, das wird etwas. Heute weiß ich, es ist nichts ich bin nichts.

Am Badezimmerboden.

Es kam, wie es kommen musste. Dienstag Abend. Am Badezimmerboden kauernd, den Kopf gegen das Waschbecken gelehnt und immer wieder dagegen schlagend, die Beine mit meinen zitternden Armen umschlungen – scheinbar soll etwas Druck ja helfen, sich selbst zu beruhigen, zumindest bilde ich mir ein, das mal irgendwo gelesen zu haben – vor mir die Weinflasche und rechts von mir das Skalpell. So vorhersehbar, so klassisch für mich.

Ich saß da, fertig mit der Welt, fertig mit mir. Eine Stimme im Kopf fragte mich, wie lange das wohl noch so weitergehen soll. Alle paar Monate immer wieder mal komplett zusammenbrechen, am nächsten Tag so tun als wäre nichts gewesen, die verlaufene Schminke durch neue ersetzen, die Schnitte mit Pflastern überdecken und die (seltenen) Fragen dazu mit “Katzen” abtun, die leeren Weinflaschen entsorgen. Eine andere Stimme gab zähneknirschend zu, dass es nicht mehr lange sein wird, hoffentlich. Wieder eine andere gab hämisch lachend von sich, dass es noch so lange wie nötig so gehen würde, als habe sie Spaß daran, mich, ihre Wirtin, leiden zu sehen. Und so weiter, und so fort.

Ich selber weiß nicht, wie lange ich das eigentlich alles noch aushalten will, kann, soll, muss.

 

Der Akku der Alarmglocken ist leer.

Jedenfalls schrillen sie nicht mehr, wenn ich immer öfter in der letzten Zeit den Kühlschrank aufmache und die immer leerer werdende Weinflasche nehme. Früher hätte es das bei mir nicht gegeben; Alkohol in meinem Haushalt. Aber Zeiten ändern sich. Zeiten ändern dich.

Nein, eigentlich sind es nicht die Zeiten, die dich ändern. Es sind Menschen, Schmerzen, Gefühle, Worte. Menschen, die dich im Stich lassen bei jeder noch so kleinen Kleinigkeit. Schmerzen, die sie dir zufügen, ohne dass sie es überhaupt auch nur ansatzweise bemerken. Gefühle, die in dir aufkeimen (negative) oder absterben (positive). Worte, wie unfähig, kaputt, nutzlos, langweilig, die sich in deinem Kopf und jeder Faser deines Körpers festsetzen. Wie selbstmitleidig das alles klingt – in Wahrheit ist man eigentlich nur selbst schuld.

Mit jedem Schluck aus der Flasche (ich besitze nicht mal genug Stil, mir ein Glas zu holen), werden die Gliedmaße schwerer; wird der ganze Körper schwerer. Die Finger, die diese Worte tippen, werden nach und nach langsamer, machen mehr Fehler. Ganz zu schweigen von den Augenlidern, die immer schwerer offen zu halten sind. Aber eigentlich warte ich nur darauf, dass endlich der Kopf schwer wird, das Hirn, der Geist. Ich warte auf das dumpfe Gefühl, den Nebel, die Wolkenschwaden, die mich einhüllen und einlullen sollen, damit ich den ganzen Scheiß in meinem Kopf nicht mehr ertragen muss. Jedes Wort, jeden Gedanken, den sich mein zerfressenes Hirn ausdenkt und mit Häme und Spott über mich ergießt wie einen Haufen zäher Schlamm, der sich in jede Pore und jede Faser meines Körpers festsetzt.

Ich trete damit nur in die Fußstapfen meiner Großmutter, Mutter, meines Bruders und vermutlich auch noch einiger anderer, mir nicht näher bekannten Verwandten. Ich war immer schon ein sehr folgsames, braves Mädchen und mit dieser Tradition werde ich doch wohl jetzt nicht brechen.

Die “Null-Toleranz”-Politik der Einsamkeit.

Man würde ja meinen, ein Mensch, der einsam ist, nehme jedes Kontaktangebot, das von außen kommt, sofort an. Mache alle Planänderungen mit, ließe sich alle Eventualitäten gefallen, einfach nur, damit er unter Menschen sein kann, raus aus seinem Loch, seinem Sumpf, seiner Wohnung.

Ich erlebe genau das Gegenteil. Ich verbringe eigentlich gut und gerne 70% meiner freien Zeit alleine (ob ich das müsste, steht auf einem anderen Blatt) und zeitweise nutze ich diese auch wirklich aktiv. Ich gehe oft allein in die Berge, teils 12, 13 stündige Touren mit ein oder zwei Gipfelbesteigungen, auch alleine ins Kino oder auf ein Konzert zu gehen, macht mir mittlerweile eigentlich (fast) nichts mehr aus. Manchmal ist es auch nur ein Spaziergang in die Innenstadt mit Kamera und einem Eis.

Gerade meine Bergtouren plane ich dann sehr akribisch – wann muss ich bei meiner Wohnung mit welchem Bus losfahren, welche Wege muss ich dann einschlagen und wie lange werde ich in etwa brauchen.

Ab und an frage ich (meist in geistiger Umnachtung) dann doch noch C., der früher einmal ein wirklich guter, verlässlicher Freund war, ob er mitkommen möchte. Eigentlich ist die Freundschaft zwischen ihm und mir nur noch zum Schein; tausend mal wiederbelebt und während der zahllosen Reanimationen zugrunde gerichtet, dass es sich eigentlich nur mehr um eine Zombie-Freundschaft handelt – weder tot noch lebendig. Er ist einsam und hat keine Freunde, mit denen er etwas unternehmen kann, ich bin einsam und habe keine Freunde, mit denen ich etwas unternehmen kann.

Und wenn ich ihn dann manchmal frage und er grundsätzlich mitkommen wollen würde, aber dann lieber eine andere Route einschlagen möchte oder auch nur eine Stunde später starten möchte, nehme ich mein Angebot zurück. Entweder zu meinen Bedingungen oder gar nicht. Einsamkeit macht egoistisch, sie macht unflexibel und unspontan. Vielleicht ergeht es nicht jedem so, aber ich habe eine regelrechte Null-Toleranz-Politik in diesem Punkt entwickelt.

Man verbringt so unendlich viel Zeit mit sich selbst, muss stets nur auf sich und seine eigenen Bedürfnisse Rücksicht nehmen, dass man wirklich verlernt, auf andere einzugehen und sich auch nur ein bisschen für sie zu verbiegen – sei es eben nur beispielsweise wegen der Startzeit. Das ist auf der einen Seite irgendwie schon traurig. Da kam mir der Gedanke, dass es eigentlich paradox ist – wenn man der Einsamkeit entkommen will, versucht man doch, es allen recht zu machen? Sich immer und jederzeit für jeden verfügbar zu machen? Alle Tänzchen und Spielchen, die von einem verlangt werden, mitzumachen, wie ein dressierter Seehund? Wenn dem nicht so wäre, müsste man sich doch vorwerfen, nicht alles getan zu haben, um diese Chance zu nutzen, unter Menschen zu kommen?

Aber mir ist es mittlerweile zu anstrengend. Viel zu anstrengend. Ich hätte durchaus ab und an die Möglichkeit, mich mit Bekannten zu treffen, die schon ab und an fragen, ob man zusammen Zeit verbringen möchte. Zusammen einen Kaffee trinken oder ein Eis essen. Allerdings gibt es in meinem Umkreis derzeit eigentlich kaum jemanden, mit dem ich wirklich gerne Zeit verbringen möchte, der mich interessiert, fasziniert. Ich habe eine Bekannte aus Ausbildungszeiten, die hin und wieder anfragt – aber da winke ich meist ab. Immer, wenn wir uns trafen, habe ich mich meist sehr unwohl gefühlt. Gelangweilt. Gezwungen. Gepresster Smalltalk, Gejammer über die Arbeit. Warum soll ich meine karge Freizeit mit Menschen verbringen, die mir – aus welchen Gründen auch immer – ein schlechtes Gefühl vermitteln?

Es ist wie bei den Beziehungen mancher Menschen. Manche Menschen sind lieber in einer Beziehung, die sie nicht erfüllt, die sie sogar unglücklich macht, anstatt allein zu seine. Das ist doch Zeitverschwendung. Genauso geht es mir mit der Einsamkeit. Bevor ich Zeit mit Menschen verbringe, die mich nerven oder sich anderweitig negativ auf mich meine Stimmung auswirken, stolpere ich wirklich lieber alleine auf Bergen herum.

Als mir vor einigen Wochen diese Erkenntnis kam, habe ich viel darüber nachgedacht. Muss ich wirklich jede Möglichkeit, die sich mir bietet, auf Teufel komm raus ergreifen, damit ich mir dann keine Vorwürfe machen muss, ich hätte es nicht versucht? Oder sollte ich nicht lieber lernen, die Zeit, die ich mit mir alleine verbringe(n muss), gut zu nutzen? Genau genommen ist es sogar unfair; wenn ich eine Person, die ich eigentlich nicht mag und nicht treffen will, benutze, nur damit ich eine Stunde lang beschäftigt bin. Denn einsam bin ich in dieser Zeit auch, wenn ich mich nicht verstanden oder gut aufgehoben fühle. Dann kann ich eigentlich gleich mit einem Buch oder einem Film oder einem anderen Hobby alleine bleiben.

C. macht das anders. Er nimmt alles mit offenen Armen an und gibt mir gegenüber zu, dass ihn Person A und Person B eigentlich total nerven. Aber bevor er alleine ist, unternimmt er lieber mit ihnen etwas, als alleine etwas auf die Beine zu stellen. Ich finde das absolut falsch und beinahe schon moralisch verwerflich, jemandem auf so eine dreiste Weise quasi ins Gesicht zu lügen.

Warum soll ich meine meist knappe Freizeit mit Menschen verbringen, die meine Seele nicht füttern, sondern aushungern? Solange man in seinem Umfeld auf solche Menschen  nicht zugreifen kann, muss man lernen, sich selbst zu genügen; auch wenn die Seele dann vielleicht ein bisschen abnimmt und ein bisschen Hunger leiden muss. Aber zumindest mit einem reinen Gewissen.

Vom Kämpfen gegen die Einsamkeit.

Als ich im nieselnden Regen nach Hause torkle, von der Geburtstagsfeier des Grinsekaters, es ist halb zwei Uhr morgens, kreisen meine Gedanken wie stets um die Einsamkeit. Ich mache hier in den Weiten des Internets ja kein Geheimnis um mein – wie ich denke – wohl größtes Problem, meinen größten Makel, die größte Schande meines Daseins, welches den Großteil meiner Gedanken einnimmt, Tag für Tag und Stunde um Stunde. Vermutlich versteife ich mich nur darauf, um mich mit den eigentlichen Kratzern und Wunden meiner Seele nicht beschäftigten zu müssen, denn Einsamkeit ist eigentlich nur ein Symptom, nur ein Produkt von zu wenig Selbstwertgefühl, Vertrauen in die Menschheit, blabla.

Da sie mich nun schon wirklich sehr lange begleitet, stets an meiner Seite ist – ob gewollt oder nicht, eingeladen oder ungebetener Gast, ob von mir selbst herbeigeführt oder mir aufgezwungen (von wem?) – habe ich sie eigentlich schon verinnerlicht, sie zu einem Teil meiner Selbst gemacht; sie hat eigentlich meine ganze Person eingenommen, füllt sie von innen auf, rinnt durch meine Adern, pulsiert in meinen Gefäßen, durchströmt meine Lungen und diffundiert aus meinen Poren bei jedem Schritt und Tritt, den ich tue.

Immer wieder mal beschäftige ich mich dann auch bewusst mit ihr; aber selten in der Art und Weise, zu lernen, sie zu akzeptieren, wertzuschätzen, annzunehmen – das käme schließlich einer Kapitulation gleich, einem Eingestehen von Schwäche. Nein, sondern in der Art, wie ich sie bekämpfen kann, umgehen, ausmerzen, überdecken; trotz zahlreicher Bücher, Seiten und Foren im Internet, die sich diesem schmerzhaften Thema widmen, komme ich nie auch nur einen Schritt weiter, sondern falle eigentlich nur immer weiter zurück. Ich zäume vermutlich mit meiner Vorgehensweise das Pferd von hinten auf; denn um einem Problem Herr zu werden, muss man sich eigentlich erstmal eingestehen, dass man eines hat; dann muss man es identifizieren, benennen, kategorisieren. Und so falle ich eben immer wieder aus dem Sattel und steige erneut von der falschen Seite auf.

Meistens suchen mich diese Gedanken heim, während ich unter Leuten bin; wohlgemerkt nicht meinen, sondern meistens, wenn ich mit dem Grinsekater und seinem Gefolge oder seiner Familie unterwegs bin – allesamt nette Leute, tolle Leute, mit denen ich mich auch wohlfühle und gut unterhalten und amüsieren kann. Dennoch – es bleiben immer seine Leute. Und immer wieder wird mir dann schmerzlich bewusst, dass ich über keinen Freundeskreis, über keine Familie und nicht mal über einen lockeren Bekanntenkreis verfüge. Wenn dann noch Alkohol im Spiel ist – wie gestern – dann Prost Mahlzeit. Dann umfängt mich die Trauer und das Selbstmitleid und prasselt auf mich ein wie der eingangs erwähnte Regen.

Und so prasselt der Trauerregen auf mich ein, so wie die Gedanken auf mich einprasseln und mein alkoholvernebeltes Gehirn schwängern und jede einzelne Windung mit ihren dunklen, schwarzen Schlieren umhüllen. Als mir klar wird, dass die Einsamkeit kein Gefühl mehr ist, das mich erfüllt, sondern ein ganzer Teil – und kein kleiner – von mir ist, meiner Person und meiner Existenz, frage ich mich, wie das dann eigentlich mit dem Kampf gegen die Einsamkeit funktionieren soll?

Wenn ich gegen mich selbst kämpfen muss, wie sieht das dann aus, wenn ich gewinne? Wie, wenn ich verliere? Am Schluss gibt es weder noch, es gibt einfach nur Verderben; ein kleines Häufchen Asche auf verbrannter Erde. Keine Gewinner, keine Verlierer. Einfach nur – ein Nichts. Optionen? Die Schwerter niederlegen, die weiße Fahne hissen? Dem Gegner die Hand reichen, um Gnade flehen? Um Erlösung bitten oder Harakiri begehen?

Selten stand ich einem Kampf so aussichtslos, so entmutigt gegenüber. Gleichzeitig aber mit solch Elan, endlich irgendwann Ruhe zu haben, gottgegebene, ersehnte Ruhe, mit Aussicht auf … ein Ende? Wie auch immer dieses aussehen mag.

“The loneliest moment in someone’s life is when they are watching their whole world fall apart, and all they can do is stare blankly.” (F. Scott Fitzgerald)

Mein bester Freund redet nicht mehr mit mir. Aber vermutlich sind wir auch gar keine Freunde mehr. Und heute bin ich so einsam, dass ich einfach random people aus meiner Facebook Freundesliste, mit denen ich vor 3000 Jahren mal mehr oder weniger regelmäßig Kontakt hatte, irgendeinen Blödsinn schreibe, an den Haaren herbeigezogenes Wirrwarr, irgendwelche Vorwände um zu schreiben und mit jemandem zu reden. Ich fühle mich ungelogen als wäre ich ganz alleine auf dieser Welt. Willkommen im 21. Jahrhundert, in dem es eigentlich nichts Einfacheres gibt als in Kontakt mit anderen treten – oberflächlich zumindest. Denn eigentlich finde ich nichts schwieriger als Kontakt zu anderen zu finden – oder zu mir selbst, denn den habe ich schon lange verloren. Sowie jeden Kontakt zu irgendeinem anderen Menschen, die früher mal Teil meines Lebens waren.

Ich habe soviel vergeigt. Soviel Möglichkeiten, Chancen in den Sand gesetzt, dass mein Leben einer Sahara gleicht. Der Kletterkurs, bei dem ich ein nettes Mädel kennengelernt habe und dann durch meine super Stalking-Fähigkeiten auf Facebook auch gefunden habe. Nur habe ich mich dann, nachdem wir uns provisorisch zum Klettern verabredet hatten, ein Jahr nicht mehr gemeldet. Fail. Der Rettungsdienst, bei dem ich nicht nur auf sozialer Ebene, sondern auch auf fachlicher Ebene komplett versagt habe. Fail. Die vielen Arbeitskollegen von früheren Arbeitsstellen, denen man versprochen hatte, dass man unbedingt in Kontakt bleiben werde. Fail, Fail, Fail und noch mehr unzählige Fails.

In letzter Zeit habe ich mich öfter betrunken als ich wollte. Ich habe mehr geweint als ich wollte. Ich habe öfter ans Schneiden gedacht (und öfter in die Tat umgesetzt) als ich wollte. Ich habe öfter an Selbstmord gedacht als ich wollte. Und tue es eigentlich ständig, immer, jederzeit.

Lasst nicht zu, dass ihr so sehr in der Einsamkeit versinkt wie ich. Pflegt eure Freundschaften, seid offen für neue Menschen, interessiert euch für sie und ihre Geschichten. Der Mensch ist nicht gemacht für das Alleinsein. Und wenn man erstmal drin ist, gibts keinen Weg mehr nach draußen. Naja – außer einen.

*181

Jetzt ist es eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich den letzten Eintrag verfasst habe, bevor ich auf Urlaub fuhr. Und ich hätte in der letzten Zeit über soviel schreiben können. Nicht mal, weil soviel passiert ist – gut, der Urlaub wäre durchaus einen schönen, langen Eintrag wert, das wird bestimmt noch folgen – nein, sondern weil ich emotional soviel durchlebe zurzeit, dass mir die meiste Zeit schwindlig ist.

Dabei stehe ich gefühlsmäßig momentan eher am Abgrund und bin schon mit einem Bein darüber hinaus, während sich das andere mit aller Kraft in den felsigen Boden zu graben versucht, der nicht nachgibt, während einige Hände der wenigen Menschen, denen mein Wohl am Herzen liegt, mit aller Kraft das Bein festhalten und es weg vom Abgrund ziehen möchten; was ihnen natürlich nicht oder nur sehr schwer gelingt, weil ich ein Mensch bin, der sich gegen Hilfe und Optimismus und das Prinzip Hoffnung zu sträuben weiß, wenngleich ich auch nicht weiß warum. Hilfe und Optimismus und Hoffnung zulassen ist eine Unmöglichkeit für mich. Ich bin eher die Sorte Mensch, die – wie schon öfter erwähnt – sich nicht nur in Selbstmitleid suhlt, nein, die darin ertrinkt, weil das eine meiner größten Stärken ist – sich in Hass und Selbstmitleid und Schuld suhlen, bis jede Faser bis tief in die Poren von all dieser Negativität erfüllt ist.

Tag für Tag wird es für mich schwerer, aufzustehen und mich in diese elendige Hölle, die sich meine Arbeitsstelle nennt, zu schleppen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Jeder Tag raubt mir unendlich viel Kraft. Jeden Tag denke ich nur daran, wie wahnsinnig unterfordert ich bin, wie wertlos und nutzlos ich mich fühle, wie sehr ich etwas anderes tun will. Jede freie Minute in der Arbeit verwende ich darauf, im Internet nach den absurdesten Stelleninseraten zu schauen, in der Hoffnung, irgendwo irgendwas brauchbares zu finden. Ich dachte, ich bräuchte nur Urlaub und eine kleine Pause von der Arbeit und dann geht es wieder – aber im Gegenteil, es wird immer schlimmer. Auch zuhause kann ich nicht abschalten, ich vergifte meine ganze Freizeit mit meinen ständigen Grübeleien, mit meinem Gejammer und ich kann nicht damit aufhören. Ich hangle mich von Feierabend zu Feierabend, dann von Wochenende zu Wochenende.

Der Grinsekater versucht mir eine große Hilfe zu sein und ich bewundere ihn für seine Engelsgeduld und seinen Enthusiasmus, aber er kann es nun einmal doch nicht nachempfinden, wie es mir geht. Ich schreibe Bewerbung um Bewerbung, auf Stellen und initiativ und ernte dabei nichts außer Absagen und Vertröstungen noch und nöcher. Und mit jedem Mal schwindet einfach noch mehr Kraft. Und ich träume weiterhin vom Studium, denn meine Ausbildung war einfach nur reinste Zeitverschwendung, der größte Fehler meines Lebens, der mir alles verbaut. Aber die Chance, dass ich meinen Traum wirklich verfolgen kann, ohne mich massivst zu überschulden, ist verschwindend gering und dennoch kann ich an nichts anderes mehr denken.

Und so plage ich mich Tag für Tag, Woche um Woche und nun kommt noch hinzu, dass der Grinsekater plant, seinen Bachelor nachzuholen, was ich ihm wirklich gönne. Er freut sich und träumt und plant, zuerst der BSc in drei Semestern, dann kann er einen Master dranhängen und dort ein Auslandssemester und dort ein Auslandssemester. Und ich würde mich gerne für ihn freuen, wirklich. Aber insgeheim zerfrisst mich nur der Neid und die Eifersucht und wieder mal das elendige Selbstmitleid und ich fühle mich absolut furchtbar dafür. Und so stürzt man in diesen Teufelskreis und den tiefen, tiefen Abgrund.

*180 – Mein Kryptonit.

Eigentlich wollte ich nach meinem letzten Eintrag nichts mehr schreiben, bevor es in den Urlaub geht. Aber ich kann gerade nicht anders, in meinem Meer aus Hass und Tränen und ja, Selbstmitleid. Ich verglühe vor Hass, ertrinke in Tränen und platze vor Wut. Ein Abend, nein, nicht mal, eine verfluchte Stunde bei dir reicht und ich fühle mich wie der einsamste Mensch in dieser gottverdammten Welt.

Robin Williams sagte einmal, er dachte, es sei das Schlimmste auf Erden, am Ende alleine zu sein. Er lag falsch; das Schlimmste sei es, am Ende mit Menschen zusammen zu sein, die einem das Gefühl geben, alleine zu sein. Und dank dir, Mutter, ach was, Erzeugerin, Gebärmaschine, fühle ich mich nicht nur einsam, nein, ich fühle mich wie der erste, letzte und einzige Mensch auf dieser Erde.

Wenn ich in deine glasigen Augen blicke, das Weiße in den Augäpfeln fast schon rot vor lauter ekelhaftem Rotwein, den du in dich reingeschüttet hast (eine ganze Flasche – um 18 Uhr abends, als ich ankomme) und dich lallen höre, spüre ich einen markanten Würgereiz in mir aufsteigen und ich muss mich zusammenreißen, ihm nicht nachzugeben und dir in dein gottverdammtes, dämliches Gesicht zu kotzen. Die zahllosen Zigarettenstummel im Aschenbecher sprechen dafür, dass du “nicht mehr als zwei Zigaretten am Tag rauchst” – in der einen Stunde, die ich neben dir aushalte, habe ich bei 7 Zigaretten aufgehört zu zählen -, was ja egal sei laut Doktor. Klar, es gibt nichts Besseres, den verbleibenden, vom Lungenkrebs befreiten Dreivierteln deiner von COPD geplagten Lunge dieses Gift zuzumuten. Tagtäglich sehe ich Menschen in meiner Arbeit, die unverdienterweise von Krankheiten geplagt werden, gegen die sie keine Chance haben. Sie siechen dahin, gäben alles dafür, gesund zu werden, verzichten auf alles, was ihnen nicht gut tut und schließlich sterben sie elendiglich. Nein, sie sterben nicht – sie verrecken. Und du bekommst ein Geschenk von unermesslichem Wert und schmeißt es nicht nur auf den Müll. Du trittst mit Füßen drauf, kippst noch eine Wagenladung Dreck drauf und pisst im Anschluss drauf.

Dein neuer Stecher lallt übrigens gleich wie du vor sich hin, während er sich ebenfalls im 10-Minuten-Takt eine Zigarette nach der anderen anzündet und labert irgendeinen Schwachsinn mit seiner ekelhaft rauchigen Stimme vor sich hin. Und dann lallst du weiter und erzählst mir von einer ehemaligen Mitschülerin von mir, und du sollst mir liebe Grüße von ihr bestellen. Und sie habe sich ja gut gemacht, hat ein Diplom in irgendeinem Servierjob oder so etwas. Auf meinen Einwand hin, dass ich von dieser ach so netten Mitschülerin in der Schule nur drangsaliert wurde, winkst du ab, das stimme ja nicht. Nein, es stimmt nicht, ich habe mir wohl nur eingebildet, dass sie mir einfach so die Haare abgeschnitten hat, mich bloßgestellt hat, meine Geheimnisse der Klasse weitererzählt hat, Gerüchte über mich verbreitet hat. Du winkst ab. Sie hat sich ja so gut gemacht, redest du weiter.

Habe ich mich nicht gut genug gemacht für dich? Obwohl ich dich Rabenmutter als Erzeugerin hatte? Habe ich von dir je ein an mich gerichtetes Wort des Lobes oder Stolzes vernommen? Habe ich mich nicht gut genug gemacht für dich, obwohl ich im Leben keinerlei Hilfe von irgendwem hatte, nur Steine in den Weg gelegt bekommen habe, die meisten von dir? Obwohl ich Nacht für Nacht in meinem Zimmer saß, am Boden, mit dem Rücken zur Wand, Messer, Scheren und Scherben in den Armen und den Beinen, während du schnarchend in deinem Bett lagst, komatös von den unendlich vielen Litern Wein, die in deinen Venen fl0ßen? Ohne Hilfe in irgendeiner Art und Weise – emotional, finanziell, tatkräftig – habe ich es geschafft, nicht zu sterben, obwohl alles, alles in mir, jede Zelle und jede Pore danach schrie – “Bring dich um, bring dich um! Es fällt ja doch keinem auf!” Nein, ich bin leider nicht gestorben, ich habe mich gut gemacht – für dich aber nicht genug, denn ich habe von dir noch nie ein positives Wort vernommen.

Ich bin ein Baum ohne Wurzeln. Ein Baum ohne Wurzeln kann eigentlich nicht überleben. Aber ich bin ein Baum ohne Wurzeln und ich lebe und ich habe eine riesengroße Krone voller grüner Blätter und bunter Blüten, die in allen Farben schimmern. Immer wieder kommt ein starker Wind und raubt mir die Blüten und die Blätter und ich stehe nackt da, zitternd, ängstlich, schwankend, weil ich keine Wurzeln habe, die mich halten, auf die ich mich verlassen kann. Aber trotz des Schwankens und des Biegens und des fast Brechens steht der Baum noch und die Blüten und die Blätter kommen immer wieder. Es dauert oft und es dauert von Mal zu Mal länger – aber der Baum steht noch, ich stehe noch.

Eine halbe Stunde stand ich gerade unter kochend heißem Wasser, während noch heißere Tränen in Minutentakt sich mit dem Duschwasser vermischten, weil ich diesem elenden Gefühl, das du mir gibst, nicht und nicht Herr werden konnte. Jeder Besuch bei dir und jeder Gedanke an dich verursacht mir Schmerzen, die tief im Inneren vor sich hinglühen und brodeln und kochen wie Magma im Erdinneren, Schmerzen, die einzelne Wunde aufreißen, die ich verheilt geglaubt habe. Du bist das Kryptonit meines Lebens – mein Ursprung und mein Tod zugleich.

Ich weiß nicht, ob ich dich hassen oder dich bemitleiden soll.